Prost Mahlzeit und guten Appetit – Wissen wir, was wir wirklich essen?

Im ARD Rundfunk und Fernsehen gab es Ende Oktober 2010 einen Themenschwerpunkt „Ernährung“. Zahlreiche Sendeformate befassten sich mit diesem Thema und lieferten dabei teilweise erschreckende Erkenntnisse. Verbraucher sind ja schon einiges gewöhnt, wenn man sich an die Meldungen über Verwendung von ekelhaftem Analogkäse, d.h. einem Gemisch aus Fett, Eiweißpulver und Wasser, von „Gammelfleisch“ gar nicht zu reden. Aber wer wusste z.B. schon, dass ein großer Teil der in unseren Kaufläden angebotenen Lebensmittel auf dem Müll landet, weil die Mindesthaltbarkeitsdaten abgelaufen sind.

So gesehen, sind die täglichen Entscheidungen, die von den Verbrauchern beim täglichen Einkauf zu treffen sind, eher unspektakulär, wie beispielsweise die Fragen:

  • Soll ich Biofleisch von Aldi oder vom Metzger kaufen?
  • Soll ich Eier von Hühnern aus Bodenhaltung oder von freilaufenden Hühnern kaufen?
  • Soll ich Äpfel aus Neuseeland kaufen oder aus Deutschland?

Die Antworten hierauf dürften zu keinen grundsätzlichen Konflikten führen, egal ob man sich für das ein oder andere Vorgehen entscheidet. Da sieht es schon anders aus bei der Frage der Verwendung von genmanipulierten Pflanzen. Hier geht es schon eher zur Sache und es gibt höchst emotional geführte Debatten über Chancen und Risiken und auch darum, ob wir als Verbraucher grundsätzliches Vertrauen in das haben können, was in der Lebensmittelindustrie vor sich geht.

Zu diesen Themen gab es im Rahmen des oben genannten Themenschwerpunktes am 28.10.2010 im WDR-Fernsehen eine für den Oscar nominierte Dokumentation „Food, Inc. – was essen wir wirklich“.

In dem Film werden Entwicklungen aufgezeigt, die uns als „typisch amerikanisch“ vorkommen. Eine Handvoll Firmen beherrscht das gesamte Nahrungsmittelsystem. Gab es 1970 noch tausende von Schlachthöfen gibt es heute gerade noch mal um die 10. McDonalds z. B. ist einer der größten Abnehmer für Rindfleisch und Hähnchen und bestimmt damit die Produktionsbedingungen, so etwa die Massenproduktion von Hühnern. Diese werden heute in der Hälfte der Zeit wie vor 50 Jahren doppelt so schwer und nehmen so schnell zu, dass sie nicht mehr laufen können. Hühnerzüchter werden von den großen Konzernen abhängig durch Kredite – laut Film verschuldet sich ein Hühnerzüchter durchschnittlich mit 500.000 Dollar beim Konzern, verdient aber nur 18.000 Dollar im Jahr. Wer die Tiere nicht nach den Vorgaben der Konzerne hält – nämlich in riesigen Hallen ohne Tageslicht, dem wird der Vertrag gekündigt. „Wir haben in unseren eigenen Unternehmen nichts mehr zu sagen, wir sind wie Sklaven“, klagt eine Züchterin im Film, der gekündigt wurde, weil sie die geforderte Umstellung der Produktion auf Hühnerhäuser ohne Fenster nicht mitmachen wollte.

Ähnliche Zustände herrschen auf dem Saatgutmarkt. 90 Prozent aller Sojabohnen enthalten Gene auf den das Unternehmen Monsanto ein Patent hat. Ehemalige, in die Politik gewechselte Mitarbeiter dieses Unternehmens haben dafür gesorgt, dass gentechnisch veränderte Produkte nicht gekennzeichnet sind. Ergebnis: 70 Prozent aller verarbeiteten Produkte in einem amerikanischen Supermarkt enthalten gentechnisch veränderte Zutaten. Weitere Aspekte kommen in dem Film zur Sprache: Wie Rinder mit minderwertigem Mais gefüttert werden und Menschen mit Coli-Bakterien angesteckt werden und daran sterben. Und was unternimmt der Staat dagegen? Der ist ein zahnloser Tiger, offenbar weil die Firmen, die kontrolliert werden sollen, zu stark mit der Politik verbandelt sind. „Es geht nicht nur um das, was wir essen“, so die Filmemacher am Anfang des Filmes, sondern darum, was wir wissen dürfen. Und sie ziehen am Ende den Schluss: „Einer der wichtigsten Kämpfe der Verbraucher ist der Kampf um das Wissen, was in unserm Essen ist und wie es hergestellt wurde.“ Das sind unbequeme Wahrheiten, unbequem vor allem, weil in dieser Frage „amerikanische Verhältnisse“ plötzlich gar nicht mehr so weit weg sind.

Vor dem Hintergrund dieser in dem Film gezeigten Ungeheuerlichkeiten ist es beinahe schon banal, sich am Ende dieses Beitrages noch einmal mit den drei zu Beginn gestellten Fragen zu befassen.

Ohne den Anspruch zu erheben, zu wissen was für den Einzelnen gut und richtig ist, erlaubt sich der Verfasser die folgenden Empfehlungen:

Natürlich sollten wir unser Fleisch vom Metzger kaufen – sofern er seinen Job gut macht, d.h. er kennt sein Produkt, er schlachtet selbst oder kann sagen, wo sein Fleisch herkommt und wie die Tiere gehalten werden. „Bio“ heißt hier nicht automatisch, dass die Produktions- und Verkaufsbedingungen gut sind. Aldis Biofleischsortiment wird vom größten Fleischanbieter Europas beliefert – der B. & C. Tönnis Fleischwerk GmbH. Auch wenn groß nicht unbedingt schlecht meinen soll – die Fa. Tönnis hat einen zweifelhaften Ruf, u. a. geriet sie wegen Dumpinglöhnen mehrfach in die Schlagzeilen.

Und natürlich sollten wir Eier von freilaufenden Hühnern einkaufen. Allerdings ist der Unterschied zu Eiern von Hühnern aus Bodenhaltung offenbar minimal – wenn man an seine Gesundheit und nicht an das Glück der Hühner denkt. Anders bei den Eiern von Hühnern aus der sog. Kleingruppenhaltung. Die früheren Legebatterien sind seit Anfang des Jahres durch diese Kleingruppenhaltung abgelöst worden, die Verhältnisse haben sich nur unwesentlich verändert. Bisher musste ein Huhn mit dem Platz von etwa einer DIN A 4 Seite auskommen, jetzt bekommt es noch die Fläche eines aufgeklappten Reisepasses hinzu, zu wenig meinen nicht nur Tierschützer.

Und natürlich sollten wir Äpfel aus Deutschlang kaufen und verzehren. Wir haben hier im Lande eine ungeahnte Sortenvielfalt vorzuweisen – etwa 1000 unterschiedliche Sorten. In den Supermärkten werden etwa dreißig Sorten in größerem Umfang verkauft, etwa 10 Sorten davon vom größten neuseeländischen Apfelexporteur. Ob das vielfältige Angebot an deutschen Äpfeln weiterhin bestehen bleibt, wird auch davon abhängen, ob diese Äpfel von den Verbrauchern gekauft werden.

(Hinweis: Dieser Beitrag wurde zuerst im  November 2010 auf mengede-online veröffentlicht)

 

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