Kindheit in der Zechensiedlung (1+2)

Vorbemerkungen

Heute beginnen wir mit dem Abdruck der beiden ersten Folgen eines in jeder Hinsicht bemerkenswerten Textes. Es handelt sich um Erinnerungen von Frau Bärbel Howarde an ihre Kindheit in der Zechensiedlung, d.h. in der Kolonie in Mengede. Im Augenblick liegen lediglich die Texte vor, die entsprechenden Fotos versuchen wir noch von Fall zu Fall einzufügen – sofern wir welche finden. Frau Howarde lebt heute in Dingen in der „Westheide“ und verfolgt die Ereignisse im Stadtbezirk Mengede naürlich mit besonderem Interesse. (K. N.)
…heute Folge 1: Howard B.

Marschallstraße  Anfang der 50 er Jahre

Vorwort

Alles, was ich hier und in den nächsten Folgen beschreibe, entspricht der Wahrheit und ist von mir in meiner Kindheit selbst erlebt oder so empfunden worden. Sollte sich jemand wieder erkennen, so sei er mir bitte nicht böse und schicke mir nicht seinen Anwalt auf den Hals. Ich habe mich auf ganz wenige Namensnennungen beschränkt. Die meisten Protagonisten sind sicher schon verstorben. Ich würde mich freuen, wenn Sie meine Beiträge mit einem kleinen Schmunzeln lesen und anschließend sagen oder denken:  „Ja, so war das damals.“

Ich wurde am 12.Oktober 1951 in der Marschallstraße, einer Nebenstraße der Wodanstraße geboren. In einer Zechensiedlung oder Kolonie wie man das nennt. In einem Haus, das in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts von der Zeche für die Betriebsangehörigen als preiswerter und zweckmäßiger Wohnraum gebaut wurde. Diese Art von Häusern fand man im ganzen Ruhrgebiet in unterschiedlichster Ausführung.

2015-02-20 16.19.19

Marschallstraße – heute

Unser Haus war ein Doppelhaus mit 4 Mietparteien. Ein besonderer Luxus waren die Toiletten auf halber Treppe. Für jeden Mieter eine eigene. Im Winter eiskalt, da nicht beheizbar. Das war aber keineswegs Standard. Die zahlreiche Geschwisterschar meiner Großeltern wohnte in Zechenhäusern, wo das Plumpsklo in einem separaten kleinen Gebäude auf dem Hof untergebracht war. Wir mussten nachts nur über den Flur, die mussten über den Hof, um zur Toilette zu gelangen. Daher waren in dieser Zeit noch viele Nachttöpfe im Einsatz. Das Toilettenpapier waren zugeschnittene alte Zeitungen, die einfach auf einen Nagel gespießt wurden. Die Zeitung durfte nicht zu frisch sein, denn sonst hinterließ die Druckerschwarze deutliche Spuren in der Unterwäsche. Außerdem wurde die sanitäre Einrichtung oft von allen Mietern benutzt und der Schweinestall war gleich nebenan. Es roch entsprechend und die dicken blauen Fliegen fühlten sich hier wie im Paradies. Es galt also bei Verwandtenbesuchen, möglichst nicht aufs Klo zu müssen.

marschallstr. 2Gebadet wurde am Samstag in der Küche in einer Zinkbadewanne. Später im Waschkeller. Dort befand sich ein kohlebeheizter Ofen mit einem großen, festinstallierten Kupferkessel, der eigentlich dem Erhitzen des Wassers für die Wäsche diente, der aber auch warmes Badewasser produzierte. Da ich in der Vorschulzeit zeitweise unter einem juckenden Ausschlage litt, wurde bei Bedarf für mich eine besondere Bademischung mit „Töpfers Kinderbad“ zubereitet. Das war ein Kleiebad und machte das Wasser glibberig. Auch mit Salben vom Hausarzt wurde dagegen angecremt. Es nützte wenig, und ob diese Hautirritation durch Hühner- oder Taubenmilben, Dreck oder Neurodermitis ausgelöst war, wurde nicht hinterfragt. Hautärzte, die Allergietests machten, gab es nur in der „Stadt“, wie man die Dortmunder Innenstadt nannte, und der Weg war lang und umständlich. Die Männer der Familie nahmen an regelmäßigen Baderitualen nicht teil, weil sie ja auf der Zeche in der Kaue täglich duschten.

Zu allen Zechenhäusern gehörte ein größerer Garten. Da wurde von den Kumpels nach der Schicht Obst und Gemüse zum Eigenbedarf angebaut. In selbsterrichteten Ställen lebten Hühner, Kaninchen und oft auch ein Schwein. Nicht zu vergessen die Taubenschläge. Unser Nachbar war ein begeisterter Taubenzüchter mit entsprechend großem Taubenhaus. Am Sonntag wurde bei einer Flasche Bier auf die gesetzten Tauben gewartet. Wir Kinder mussten möglichst unsichtbar sein und durften keinen Krach machen. Es wurde gerufen und gelockt: „Komm Hans, komm “, bis der letzte „Kröpper“ im Schlag war.

Da wir zu dieser Zeit auch Hühner besaßen und das Futter in einer großen Blechdose im Haus aufbewahrt wurde, hatten wir auch immer Katzen. Die sollten das Haus und Gelände mausfrei halten, brachten aber hin und wieder auch eine erlegte Taube mit und legten diese stolz auf die Türmatte. Das Leben unserer Katzen war dementsprechend kurz. Sie verschwanden irgendwann immer spurlos, wahrscheinlich vergiftet oder erlegt von wütenden Taubenzüchtern.

und sogleich: Folge 2

Rund um das Haus

Um in der Zechenkolonie wohnen zu dürfen, musste man auf der Zeche arbeiten. Wir wohnten bis Anfang der 60er Jahre mit meinen Großeltern zusammen. In dieser Zeit war Wohnraum knapp. Zum Teil durch Zerstörungen durch den Krieg. Und die große Zahl der Vertriebenen und Flüchtlinge wollte auch untergebracht sein. Daher wurde oft neidisch auf diesen Personenkreis geschielt und Bevorzugung bei der Wohnungsvergabe unterstellt. Mein Großvater arbeitete damals auf der Zeche Westhausen in Bodelschwingh und mein Vater war, nachdem sich Nachwuchs angekündigt hatte, von der Bahn zur Zeche Adolf von Hansemann gewechselt, weil man da mehr verdiente. Die ganze Verwandtschaft arbeitete, bis auf wenige Ausnahmen, auf irgendeiner Zeche im Umkreis.

Marschallstr. 1

Marschallstraße / Ecke Herkulesstraße

Die Wohnungen in unserem Haus bestanden aus drei gleichgroßen Räumen, die mit der Deputat-Kohle, die jeder Bergmann erhielt, geheizt wurde. Der wärmste Raum war die Wohnküche. Hier stand der Küchenofen mit Zieraufsatz. Er wurde zum Kochen, zum Backen und manchmal auch zum Wärmen der geschlüpften Hühnerküken benutzt und von der Hausfrau akribisch geputzt und poliert. Die beiden anderen Räume nutzten meine Eltern und Großeltern jeweils als Schlafzimmer. Ich schlief zunächst bei meinen Eltern im Bett und später, als mein Vater kurzerhand ein Fenster zugemauert hatte, war Platz für meine Schlafcouch. Es gab also wenig bis keine Intimsphäre. Vielleicht bin ich deshalb ein Einzelkind geblieben.

Der Garten wurde bepflanzt und beackert. Es gab verschiedene Beerensträucher, deren Früchte entweder eingekocht oder zum süffigen Aufgesetzten verarbeitet wurden. Einen Sauerkirschbaum für den sonntäglichen Obstkuchen gab es auch und ebenfalls Erdbeeren. Möhren, Porree, Spinat und auch Kartoffeln kamen aus eigenem Anbau. Nach dem ersten Frost kam Grünkohl aus dem Garten auf den Tisch. Mit Eiern versorgten uns die eigenen Hühner, und die Kaninchen im Stall gaben ab und zu einen Sonntagsbraten her.

Einmal hatte meine Großmutter Enteneier geschenkt bekommen und sie von der Glucke ausbrüten lassen. Aber Enten wollen schwimmen. Und so wurde eine große Waschschüssel auf dem Hof eingegraben. Die Enten machten reichlich Gebrauch davon. Allerdings war nach kürzester Zeit der Hof nur noch Matsch und Modder. Denn alles was bei den Enten vorne reingeht, kommt kurzfristig als plädderige Masse hinten wieder raus. Auch waren die Enten alles andere als ein kulinarischer Genuss. Sie waren fett und wenig schmackhaft und wir waren froh, als sie endlich alle geschlachtet waren.

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