Prost Mahlzeit und guten Appetit!

Schmälter Carl-Wilhelm

Cawi Schmälter

Die Suppe lügt?!

Ausrufe- oder Fragezeichen hinter der Überschrift: Hierzu wollte Wilhelm Tackenberg, 1. Vorsitzender im TV 1890 Mengede, in seinem Referat Aufklärung leisten. Beim gut besuchten monatlichen Stammtisch der Vereinssenioren, wie immer im Heimathaus und nach der freundlichen Begrüßung durch „Heimatvereins-Chef“ Hans-Ulrich Peuser, beschäftigte er sich (so der Untertitel seines Vortrags) mit den „Aspekten zur Parallelwelt der industriellen Produktion von Nahrungsmitteln“. Die Motive des ausgebildeten Fachapothekers für Ernährungsberatung, so Tackenberg, liegen auf der Hand: „Ich esse gern!“

Mit dem Hinweis auf zwei bekannte Veröffentlichungen der Verbraucherberatung („Achtung Zucker“ und „Lebensmittel lügen“) und einen Klassiker von Hans-Ulrich Grimm („Die Suppe lügt: Die schöne neue Welt des Essens“) war der Einstieg in das Referat, das sich in nachfolgende 5 Themenblöcke aufgliederte, gleich gelungen:

Tackenberg

Wilhelm Tackenberg

1. Allgemeines Konsumverhalten
2. Preisdruck, Preisgestaltung
3. Die wundersame Welt der Aromen
4. Verbraucherschutz, Kostendruck
5. Was ist mit Bio?

Für Lebensmittel werde trotz steigendem Einkommen und niedrigem Armutsrisiko in Deutschland immer weniger ausgegeben. Das belegten auch die bevorzugten Einkaufsquellen, bei denen die Discounter den Löwenanteil (über 80 %) für sich beanspruchten. Weit abgeschlagen rangiere der Einzelhandel bei marginalen 5 % an letzter Stelle.

Ein Phänomen: Aldi diktiere preisaggressiv den Referenzpreis, ist Marktführer, setze Preismarken für Lidl, Netto, Edeka, Rewe usw. zu Lasten der Lieferanten und Erzeuger. In dem Teufelskreis: Werbung – Discounter – Lieferant – Produkt entwickle sich eine Situation, in der der Erzeuger nur mit viel Kreativität bestehen könne: Kosten senken (z.B. Personaleinsparungen oder weniger gute Zutaten verwenden) oder Umsatz erhöhen, bei gleich bleibenden oder fallenden Produktpreisen.

Noch im 19. Jhdt. sei es in Deutschland verboten gewesen, für den Lebensmittelbedarf zu werben. Erst mit der explosionsartig steigenden Bevölkerung infolge der industriellen Revolution habe ein Umdenken stattgefunden, da eine Selbstversorgung unmöglich geworden war: Beginn der industriellen Erzeugung von Nahrungsmitteln (Julius Maggi, Justus Liebig), Erfindung der Konservendose um 1900, erster Selbstbedienungsladen in Hamburg (1910) oder Bereitstellung von Einkaufswagen (1951).

Das sei dann auch ein wesentlicher Grund für die Entwicklung und Erforschung der Aromenwelt gewesen, deren Ursprünge in Deutschland zu suchen seien. Wilhelm Haarmann habe 1875 in Holzminden eine Fabrik gegründet, die als erste in der Lage gewesen sei, einen synthetischen Geschmacksstoff herzustellen. Zusammen mit seinem Partner Karl Ludwig Reimer habe er das Vanillin erfunden. In der Nachfolge agiere heute die weitgehend unbekannte Firma Symrise, ein globaler Anbieter von Duft- und Geschmacksstoffen. Sie rangiere mit einem Marktanteil von 12 % weltweit auf dem vierten Platz. Holzminden, weiterhin der Firmensitz von Symrise, werbe mit dem Slogan: „Stadt der Aromen“. Die Produktionsverfahren seien hochgeheim und Betriebsfremden sei es unmöglich, einen Blick „hinter die Kulissen“ werfen zu können. Beeindruckend für den Zuhörerkreis, dass die Grundbestandteile für viele Aromen (z. B. für den Erdbeergeschmack) aus Fichtenholz gewonnen würden.

Das Lebensmittelgesetz versuche, Licht ins Dunkel der Zusatzstoffe zu bringen. Doch Vorsicht: Spitzfindigkeit sei vonnöten. So bedeute zum Beispiel der Hinweis „natürliche Aromastoffe“ auf einem Erdbeerprodukt, dass keine extrahierten Bestandteile der Erdbeere und auch keine sonstigen Aromaextrakte enthalten seien. Nur wenn man „natürliches Erdbeer-Aroma“ lese, könne man sicher sein, dass mindestens 95 % der Aromastoffe aus Erdbeeren gewonnen würden.

Für die Kennzeichnung von Lebensmitteln gelte ab dem 13. Dezember 2014 die Lebensmittelinformationsverordnung. Die neue Verordnung schreibe eine Fülle von Informationspflichten vor und regele sowohl deren Darstellungsform als auch die Platzierung.
• Bezeichnung des Lebensmittels
• Verzeichnis der Zutaten
• Menge oder Klasse der Zutaten
• Nettofüllmenge
• Mindesthaltbarkeitsdatum oder Verbrauchsdatum
• Ggf. besondere Anweisungen für die Aufbewahrung oder Verwendung
• Name und Anschrift des Unternehmers, in dessen Namen das Produkt vermarktet wird
• Ursprungsland oder Herkunftsort (in bestimmten Fällen)
• Gebrauchsanleitung, falls eine angemessene Verwendung ansonsten schwierig wäre
• Nährwertdeklaration (ab Dezember 2016)

Bei verpackten Lebensmitteln gelte, dass diese Angaben direkt auf der Verpackung oder dem Etikett angebracht werden. Mit zahlreichen Abbildungen von Verkaufsverpackungen bewies Tackenberg dann die MachenschaSuppe00001ften des Handels, die Vorschriften im eigenen Sinne „kreativ“ zu umgehen. So sei die „Thai Chef Ente“ garantiert entenfrei, obwohl auf dem Etikett ein leckerer Entenbraten abgebildet ist. Der Trick verstecke sich im klein gedruckten Hinweis: „Abbildung ist lediglich ein Serviervorschlag“. Ebenso werde der vorgegebene Toleranzbereich bei den Füllmengen meist zugunsten des Produzenten ausgeschöpft. Immerhin gestatte die Verordnung bei einer Nennfüllmenge von 500 – 1000 Gramm eine Abweichung von 15 Gramm oder 15 Milliliter.

Der Ausweg zu den Erzeugnissen der Lebensmittelindustrie, den viele Verbraucher in den Produkten mit dem Bio-Siegel sehen, sei grundsätzlich zu begrüßen. Aber auch hier gebe es viele Erzeuger, die mit Phantasie-Markierungen die Vorschriften zu unterlaufen versuchen.

bio1Nur die Waren, die mit den offiziellen Siegel „Bio“ oder „Öko“ ausgezeichnet seien, böten Gewähr, dass deren Pflanzen aus ökologisch kontrolliertem Anbau stammen, nicht gentechnisch verändert seien und ohne den Einsatz von chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmitteln angebaut würden, bzw. bei tierischen Produkten auf die Behandlung von Wachstumshormonen oder Antibiotika verzichtet wurde.

bioDen Unterschied zwischen Bio und Nicht-Bio, erklärte der Fachmann mit einem Augenzwinkern, betrage 100 Meter. Das sei der in der Landwirtschaft vorgeschriebene Abstand zwischen den Äckern mit unterschiedlichen Produktionsmethoden. Berechtigte Frage: Wissen das auch die für die Befruchtung zuständigen Bienen oder der Wind?

Die zu klärende Frage nach Ausrufe- oder Fragezeichen hinter der Überschrift ließ sich in der Runde dann aber doch nicht beantworten. W. Tackenberg: „Lüge ist eine wissentliche Falschaussage.“ Die vielen Grauschattierungen im Bereich der Lebensmittelproduktion, – kennzeichnung und – werbung sind jedoch geeignet, zumindest Arglistigkeit und bewusste Verbrauchertäuschung attestieren zu können. Belassen wir es also weiterhin bei beiden Satzzeichen.

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