Kindheit in der Zechensiedlung (9) – Schule: Von „Evangelen“ und „Katholen“

In der heutigen Folge:Kindheit 9 Overbergschule

 Schule – Von „Evangelen“ und „Katholen“

 

Als ich 1957 eingeschult wurde, damals noch im April, hieß meine erste Lehrerin Frl. Schack; sie war noch ganz jung. Wahrscheinlich ihre erste Stelle nach dem Referendariat.

Das Lehrerkollegium bestand ohnehin fast nur aus Frauen. Bis auf ganz wenige alte Lehrer, die zum Teil schon etwas „tüddelich“ waren. Fast eine ganze Generation junger Männern war im Krieg geblieben.

Ich kam in die evangelische Dörpfeld–Schule im großes Schulgebäude am Markt. Früher nannte man sie noch Volksschule und sie wurde als evangelische und katholische Konfessionsschule betrieben. Es gab zwar nur einen gemeinsamen Schulhof und ein zusammenhängendes Gebäude, aber eine unsichtbare Demarkationslinie trennte die Konfessionen voneinander. Es war besser, das Revier der Andersgläubigen nicht zu betreten, und jeder hielt sich daran. Diese Trennlinie gab es nicht nur auf dem Schulhof, sondern auch noch in den Köpfen der Leute. Heirat zwischen „Evangelen und Katholen“ galten als Mischehe und konnte nur als Zivilehe registriert werden. Die Kirchen weigerten sich noch lange, solche Paare zu trauen.

Kindheit 9 Overbergschule

Zwar schauten wir Kinder immer etwas neidisch auf „die Katholischen“ wenn sie am Rosenmontag bunt verkleidet zur Schule kamen, aber für uns Puritaner war so etwas nicht vorgesehen.

Ich war zwar groß und kräftig, aber immer noch der alte Pazifist. Man könnte fast sagen: ein sanfter Riese. Andere Mitschüler, vor allen die aus kinderreichen Familien mit älteren Geschwistern, waren da ganz anders gestrickt. Da ich dazu noch eine gute Schülerin war, hatte ich als „Streber“ einiges auszuhalten: Von einem fast ausgestochenem Auge mit einem Regenschirm bis zu Steinwürfen auf dem Heimweg. Die Grundschulzeit war die gefährlichste Phase in meinem bisherigen Leben.

Als ich auf die Albert-Schweitzer-Realschule kam, entspannte sich die Lage etwas. Die Schule bestand aus zwei Gebäuden für die Schuljahre 5-7 und 8-10. Es gab reine Mädchen- und Jungenklassen. Auch waren wir, außer beim Religionsunterricht, nicht mehr von den „Katholischen“ getrennt. Jeden Montag von 8-8.45Uhr mussten wir zum Schulgottesdienst in die jeweilig zuständige Remigius Kirche. Irgendwann haben wir uns dann in die hintersten Kirchenbänke verkrümmelt, Hausaufgaben abgeschrieben oder verglichen und so die Zeit sinnvoll genutzt, wie wir meinten. Als Bergmannskind war ich damals ein Exot. Die Sprösslinge von Geschäftsleuten, Handwerkern oder Beamten waren deutlich in der Überzahl. Außerdem musste man, um aufgenommen zu werden, eine 3tägige Prüfung ablegen. Die Albert-Schweitzer Realschule war damals die einzige weiterführende Schule im Umkreis. So kamen Schüler aus Bodelschwingh, Westerfilde und Huckarde mit dem Fahrrad zum Unterricht. Es mussten für jedes Fach, außer dem Schulatlas, in jedem Jahr neue Bücher angeschafft werden. Das war sehr kostspielig und Schulbuchfreiheit gab es noch nicht. Man versuchte, die Bücher gebraucht zu bekommen oder wurde – wie in meinem Fall – „gesponsert by Opa und Oma“.

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Ein Kommentar

  1. Liebe Frau Howarde,
    in Ihrem sehr interessanrt geschriebenen Artikel erwähnen Sie gleich zu Beginn ihrer Zeilen Ihre erste Lehrerin, Frl. Schack. Diese Dame heißt heute Frau Baukloh und hat vor 30 jahren meinen Onkel, Dr. Eberhard Baukloh geheiratet. Sie wohnt seit vielen Jahren in Hamm, erfreut sich bester Gesundheit und wird am Pfingstmontag 80 Jahre alt!
    Ich werde ihr Ihren Artikel ausdrucken und zum Geburtstag überreichen.
    Gruß, Hans-Ulrich Peuser

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