Zum Tod von Günter Grass: Sein Kampf

Sein Kampf

Eine Kolumne von Peter Grohmann KONTEXT:Wochenzeitung vom 22.4.2015

„Die Verwüstung des Staates durch die Pressemaffia“ – was ist daran falsch? Mafia schreiben wir heute mit einem „f“ – anders als Karl Kraus. Der andere Österreicher verwendete diesen Halbsatz in seinem Essay „Die Journaille“ 1902 in der „Fackel“. Derlei Grob- und Gemeinheiten würden wir uns heute umgehend und schon im Vorfeld verbieten (lassen).

Doch hochachtungsvoll lupft alle Welt den Deckel vor den Gräbern und dem Andenken der Nachdenker, ob sie nun Kraus oder Grass, Böll oder Arendt heißen – doch kümmert’s die Gesellschaft keinen Deut, was da vorbedacht wird. Ein Schriftsteller, der das Einverständnis mit den Herrschenden sucht, ist verloren, wusste Grass.

Gegen die Vergesslichkeit: Es sei erlaubt, an ein zentrales Thema von Günter Grass zu erinnern, das den meisten zum Halse heraushängt, wie meine Omi Glimbzsch in Zittau sagen tät: Flüchtlinge. Das christliche Abendland lässt sie schockweise zu jeder Stunde im Mittelmeer ertrinken, und wenn es eben nichts Wichtigeres zu melden gibt, werfen die Medien einen Kranz ins Meer, zeitnah bei Lampedusa. Von den Hunderttausenden, die in den Elendsquartieren Griechenlands dahinsiechen, von einem Elend ins andere, von einem Stacheldrahtverhau in den nächsten, von einer Verfolgung in die neue, sprechen wir dieser Tage lieber nicht: Das ist kein Troika-Thema.

Warum wohl reist kein Fernsehteam, kein Journalist an die Innengrenzen Griechenlands, in die Fluchthochburgen am Rande der großen Städte, macht Bilder von den Kellerlöchern, in denen sie hausen, zeigt etwas von den großen Anstrengungen Griechenlands, die Ankommenden nicht erfrieren oder verhungern zu lassen? Weil’s nicht ins „Bild“ passt und auch sonst nicht, nicht heute.

Großrotzig behauptete 1997, unmittelbar nach der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels, Regierungssprecher Hausmann wider besseres Wissen: „Die Bundesrepublik ist kein fremdenfeindliches Land. Sie übernimmt mehr Lasten bei der Aufnahme von Bürgerkriegsflüchtlingen als jedes andere Land.“ Diese Lüge war mit ihren kurzen Beinen noch nicht um die Ecke, als der Laudator Günter Grass öffentlich verprügelt wurde. Er hatte in seiner Rede für den türkischen Autor Yasar Kemal das genaue Gegenteil gesagt.

Lauthals wird dieser Tage an Grass erinnert, pauschal und unehrlich. Grass hatte – quasi zeitlebens – die deutsche Abschiebepraxis als „demokratisch abgesicherte Barbarei“ bezeichnet. „Ich schäme mich meines zum bloßen Wirtschaftsstandort verkommenen Landes, dessen Regierung todbringenden Handel zulässt und zudem den verfolgten Kurden das Recht auf Asyl verweigert.“ Auch um die nun gottlob endlich wissenschaftlich bewiesene Menschenfeindlichkeit im Lande wusste der Trommler, und die erlauchte Zuhörerschaft in der Paulskirche wäre am liebsten im Boden versunken – nein, nicht aus Scham, sondern um diesen Nestbeschmutzer nicht hören zu müssen.

Anmerkung:
Die vorstehende Kolumne von Peter Grohmann ist in der KONTEXT:Wochenzeitung, in der Ausgabe 2012 vom 22.4. 2015 erschienen. Peter Grohmann ist Kabarettist und Initiator des Stuttgarter Bürgerprojekts „Die AnStifter“.
Die KONTEXT:Wochenzeitung ist eine Internet-Zeitung aus Stuttgart, die seit drei Jahren wöchentlich mittwochs ins Netz gestellt wird. Zusätzlich liegt sie als Printausgabe der Wochenendausgabe der taz bei. Wir danken der Redaktion für die Zustimmung zum Abdruck der Kolumne.
Näheres unter:
http://www.kontextwochenzeitung.de/kolumne/212/sein-kampf-2849.html

 

 

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