Cuba libre – Ein Kolumne von Peter Grohmann

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Cuba libre

Eine Kolumne von Peter Grohmann

KONTEXT:Wochenzeitung vom 22.7.2015 Ausgabe 225

Unsereins wünscht sich ja weltweit lupenreine Demokraten, egal, was passiert. Nehmen wir Kuba. Dort muss man natürlich kräftig nachhelfen, bis aus normalen Menschen lupenreine Demokraten werden. In Guantánamo geht das nicht ohne Folter und Fußfesseln, aber eben im Namen von Freiheit und Demokratie: statt kurzer Prozess gar kein Prozess.

Wenn es um Menschenrechte geht, darf man nicht pingelig sein. Der Terrorist kann an der nächsten Hausecke lauern, und wenn er dann mal unvermutet zuschlägt, ist das Geschrei groß. Der Terrorist kann unser Nachbar sein (unwahrscheinlich, aber möglich), kann Banker oder Hartz-IV-Empfänger sein (eher möglich), Chemiefabrikant oder Hersteller halbwegs perfekter Waffen made in Germany (sehr wahrscheinlich). Er hat vielerorts helfende Hände.

Hin und wieder ist man von den lupenreinen Demokraten bitter enttäuscht, vor allem, wenn was rauskommt. Mann muss sich dann auf die Suche nach neuen Vorbildern machen, denn ohne die schläft der tägliche Kleinkrieg für die bessere Hälfte der Erde ein. Wo es an Praxis mangelt, muss die Utopie her, wie in Griechenland. Doch lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren. Für den Rest sorgt Wolfgang Schäuble.

Cuba libre: Dort geht jetzt die Post ab, wie im Iran. In Kürze gibt’s dort Coke und Primark. Und Boss.

Enttäuschungen verbittern und lähmen. Bei der Oberbürgermeisterwahl in Dresden (am 5. Juli 2015) lag die Wahlbeteiligung in den unterprivilegiert gehaltenen Vierteln bei 20 Prozent, hier und da erhielt die Kandidatin der Pegida 28 Prozent der Stimmen. Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen – das wusste selbst meine Omi Glimbzsch in Zittau, die der Idee nachhing, dass in einer Welt drückender sozialer Ungerechtigkeiten, maßlosen Profitstrebens, wachsender Gewalttätigkeiten und des Rückfalls der Menschheit in Barbarei die menschliche Würde neu entdeckt werden müsste.

Stattdessen rollen wir den Stacheldraht neu aus und zwingen die Nachbarn, die Lücken zu schließen. Den Oppositionellen im Land aber rufen wir zu: Wer nichts zu verbergen hat, hat von uns nichts zu befürchten (Originalzitat Joseph Goebbels)! No spy, Vorratsdatenspeicherung, TTIP, Waffendeals, Strobls nervende Griechen: Stellen Sie sich vor, die CDU käme wieder an der Macht!

Anmerkung: Peter Grohmann ist Kabarettist und Initiator des Stuttgarter Bürgerprojekts „Die AnStifter“.
Die KONTEXT:Wochenzeitung ist eine Internet-Zeitung aus Stuttgart, die seit drei Jahren wöchentlich mittwochs ins Netz gestellt wird. Zusätzlich liegt sie als Printausgabe der Wochenendausgabe der taz bei. Wir danken der Redaktion für die Zustimmung zum Abdruck der Kolumne.
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