Kindheit in der Zechensiedlung (18)

Meine SpielsachenHoward B.

Mit drei Jahren bekam ich einen kleinen Teddybär von „Steiff“ mit dem Knopf im Ohr, meinen heißgeliebten „Schnurri“. Er war für mich geschlechtsneutral, weder Mädchen noch Junge, denn er bekam sowohl Kleidchen als auch Hosen angezogen.

Jeden Abend nahm ich ihn mit ins Bett, und es war aus hygienischen Gründen streng verboten draußen mit ihm zu spielen. Als ich mal wieder gegen dieses Gesetz verstoßen hatte und vor dem Zubettgehen nach meinem Teddy suchte, kam meine Mutter dazu und sagte: „Den ‚Schnurri‘ habe ich im Ofen verbrannt. Er war ganz dreckig, weil du wieder draußen mit ihm gespielt hast.“ Bei mir setzte sofort die Atmung aus, und ich wäre sicher in Ohnmacht gefallen, hätte meine Mutter die Sache nicht gleich aufgelöst. Natürlich war mein Lieblingsspielzeug nicht im Ofen gelandet. Aber der Schock führte dazu, dass ich ihn nie wieder mit nach draußen nahm.

Ich besitze ihn übrigens immer noch. Die wenigen Fellreste sind stumpf und abgeliebt, der Knopf ist verschwunden und das Loch im Ohr sieht aus wie die Reste eines bereuten Piercings.11 schnurri

Größere Spielsachen, wie mein Puppenwagen, standen wegen Platzmangel nicht ständig zur Verfügung. Er bestand aus einem Flechtwerk aus Peddigrohr – creme-weiß lackiert – und sah so aus, wie die damals üblichen Wagen für richtige Babys. Ab und zu wurde er vom Kleiderschrank meiner Großeltern geholt, und ich durfte damit durch die Kolonie flanieren. Es musste alles geschont werden, wie die exotische Hawaii-Puppe von „Schildkröt“ mit langen echten Haaren, die ich besaß. Erst bei meiner „Käthe Kruse Puppe“ setzte ich mich über diesen Schonzwang hinweg.

Die Mutter eines Verwandten lebte damals in der „Ost-Zone“, wie man die DDR nannte, und brachte auf Wunsch meiner Eltern diese Puppe bei einem Westbesuch für mich mit. Diese Puppe war eine abgespeckte DDR-Version des Originals, das für uns unbezahlbar war. Sie kam wahrscheinlich aus einem Kombinat für „Plaste und Elaste“ oder einer der anderen Produktionsstätten mit merkwürdigem Namen. Sie hatte echte Haare und einen ständig wechselnden Namen. Meistens hieß sie Heidi. Ich kämmte und schminkte gegen das ursprünglich Aussehen der Puppe an und hatte nach ein paar Jahren einen regelrechten „Zombi“ aus ihr gemacht.

Mein absolutes Lieblingsspielzeug war aber mein „Schwabienchen“, eine Vorgängerin der Barbie Puppe. Sie hatte die stark idealisierte Figur einer richtigen Frau mit Busen und allem. Wie eben die „Barbie“, nur mit langen dunkelbraunen Haaren, statt mit blonden. Ich hatte sie in der Spielzeugabteilung bei Althoff entdeckt und war „hin und weg“. Nicht sofort, aber etwas später habe ich sie dann auch bekommen. Sie kostete – glaube ich – 7 Mark.

Sie brachte als Grundausstattung zwar nur einen roten Badeanzug und gleichfarbige Stöckel-Sandaletten aus Plastik mit, aber ich wurde auf der Stelle zum Designer. Aus der Reste- und Flickenkiste meiner Tante, der Schneiderin, durfte ich mir bei meinen Besuchen immer ein paar Stoffstückchen mitnehmen. Zu Haus legte ich los und fertigte daraus Kleidung für meine Puppe an, alles Einzelstücke. Sie bekam auch gehäkelte Bikinis und Kleider von mir verpasst.

Als ich sie Jahre später meiner Tochter in ihrer Barbie Zeit zum Spielen zur Verfügung stellte, wurde mein „Schwabienchen“  diskriminiert und schlecht behandelt. Sie war eben keine „echte Barbie“. Irgendwann verschwand sie im „Bermuda- Dreieck“ im Zimmer meiner Tochter und bis auf ein paar von den selbst gefertigten Kleidungsstücken tauchte nichts mehr wieder von ihr auf.

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