„Kindheit in der Zechensiedlung“- heute einmal anders!

„Wer nicht lesen und nicht schreiben kann, muss auf Hansemann!“

Obiger Spruch, in früheren Jahren in unserer Netter Kolonie als Warnung für faule Schüler allgegenwärtig, sorgte für Lerneifer gleich nach der Einschulung. Hansemann, das war bekanntlich das ehemalige Mengeder Bergwerk, das nach dem Berliner Bankier Adolph von Hansemann benannt wurde und auf dem die meisten Männer unserer Kolonie untertage ihre schwere und gefährliche Arbeit verrichteten.

Schon die I-Männchen hatten deshalb in ihrer „Lebensplanung“ den festen Vorsatz, einen einfacheren Broterwerb anzustreben.

Es ist allgemein bekannt, dass sprachgewandte Zechenvertreter vor hundert Jahren nach Ostpreußen und Polen ausschwärmten, um dort bei der Landbevölkerung Arbeitskräfte anzuwerben. So ließ sich auch unser Nachbar Stanislaus, bei dem wir uns aus Datenschutzgründen in dieser Schilderung auf den Vornamen beschränken wollen, von den Drückerkolonnen überreden, sein Glück als Bergmann zu suchen. Und es kam der Tag, dass seine erstgeborene Tochter den Wunsch äußerte, in den Stand der Ehe einzutreten. Klar, dass Stanislaus auf dem Standesamt als Trauzeuge fungieren sollte. Doch es gab ein Problem: Lesen und Schreiben hatte er nicht gelernt. War bisher auch nicht erforderlich gewesen.

Nun hatte er aber seinen Stolz. Die Blamage, die Heirat seiner heißgeliebten Tochter mit drei Kreuzen zu besiegeln, kam nicht infrage. Es musste geübt werden. Geduldig nahm er nach seiner schweren Arbeit den Zimmermannsbleistift und malte seine Unterschrift. Immer wieder, immer neu und immer mit der schweren Hand, die zuvor 600 Meter unter der Erdoberfläche in Nachtschicht Stempel gesetzt oder mit dem Pickhammer Kohle und Gestein gelöst hatte.

Der große Tag auf dem Mengeder Standesamt rückte näher und der Namenszug war leserlich geworden. Sogar eine Krawatte, geliehen und vorgebunden vom Nachbarn, hatte er sich angelegt. Stolz marschierte die Familie zum Mengeder Standesamt. Der Beamte machte seine Arbeit, alles schien bestens zu laufen und dann für Stanislaus sein persönlicher Höhepunkt: Seine Unterschrift, auf die er sich lange vorbereitet hatte, jetzt sogar mit einem richtigen Federhalter. Mühsam drückte er den wochenlang zuvor geübten Vornamen und Namen mit dem ihm völlig unbekannten Schreibgerät auf das Urkundenpapier.

Dann aber erwischte ihn trotzdem noch eine kleine persönliche Katastrophe, als der Standesbeamte ihn bat, seine Unterschrift mit dem Zusatz „als Vater“ zu ergänzen. Kleinlaut musste er eingestehen, dass er die Kunst des Lesens und Schreibens nicht gelernt hatte. Die Ehe, so die glaubhafte Versicherung aller Dabeigewesenen, soll aber trotzdem geschlossen worden sein.

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