Ein Dortmunder in Stuttgart

Kevin allein im Kesselcsm_Kevin_1_e62ae0d4d0

Von Michael Friederici*
Ein Weltmeister beim VfB! Wer hätte das gedacht? Und ausgerechnet Kevin Großkreutz, der gar nicht ins Bild des Daimler-Kickers passt. Ein bekennender Kevin-Fan weint und schreibt, warum das trotzdem nicht schiefgehen muss.

Kevin beim VfB. Was, bitte, soll das? Das Klima im Neckarkessel hat mit Sohle 7 „auffem Pütt“ (Zeche/Grube – für die hiesigen Eingeborenen haben wir die Ruhrgebietsidiome übersetzt) so viel zu tun wie Kutteln mit Pfefferpotthast. Hört man jedenfalls.

Aber mal ehrlich und ganz unter uns: Es gibt Schicksale, die die Welt bewegen, und obwohl Dortmund nun auch nicht gerade Paris und die Ruhr nicht die Seine ist, aber Stuttgart, nein, das hat er nicht verdient.

Obwohl …

Also für alle, die sich nicht so auskennen, fang ich mal ganz von vorn an: Kevin ist ein Dortmunder, Borusse, durch und durch, mit entsprechendem Tattoo auf der Wade – kurzum: alles andere als einer dieser typischen Daimler-Typen. Und dann ist Kevin ein Kicker, wie es eigentlich keinen mehr geben sollte, in der blattrigen Bayern-Event-und-Verkaufs-Show des Sportes. Er ist einer, der pöhlen (bolzen) will und der es noch richtig ernst meint, wenn er auf sein Herz klopft. Dass Kevin in Dortmund keinen ordentlichen Abschied bekam, das hat mich schon richtig angefressen. In echt (ährlich).

So einer passt nicht zu den Anzugträgern.
Das war, das ist kleinkariertes Getue von Anzugträgern, die Angst davor haben, dass jemand sie mit dem Punk verwechseln könnte. Das war, das is schäbbig (schofelig)! So! – Kevin ist BVB – und wer Kevin auf diese schale Art in die Wüste schickt, der will einen anderen Verein, der will nicht den BVB, den wir wollen, na ja, ich zumindest. Aber wer, bitte, würde denn nicht gern mal mit Kevin und seinen Kumpels richtig auf der Süd abfeiern! (Süd = größte Stehtribüne Europas mit einer Kapazität von rund 25 000 Plätzen, die „Gelbe Wand“; dort stehen und leiden und jubeln und inszenieren sich die Treuesten der Treuen).

Kurzum: Für einen wie Kevin ist es wohl das Beste, dass er endlich wieder beim Fußball angekommen ist.csm_Kevin_2_b735a5e0eb

Gut, ich will jetzt mal versuchen, sachlich zu bleiben, also: Kevin hat sich den Arsch aufgerissen für „seinen“ Club, er hatte sogar angeboten, freiwillig zu den Amateuren zu wechseln. Natürlich kann jetzt der gemeine auf „Selbstoptimierung“ getrimmte und „Ich will mich verbessern“-Schwätzer darüber lamentieren, dass ihm ein Auslandsaufenthalt gutgetan, den Blick geweitet, ihn weltmännischer gemacht hätte. Hätte, hätte, Fahrradkette.

Kevin, wann kapiert ihr das, tickt anders. Der fühlt sich „bei seine Oma“ wohler als in der globalisierten Welt, in der es Wurst ist, ob ich im Hilton New York oder an der Weinsteige logiere; is ja eh alles das Gleiche. Eben nicht. Kevin personalisiert nicht die Sorte „Götze-Karriereplan“, er gehört in eine Reihe mit Ente, Stan, Erwin und Aki, mit Willi (Entenmann), Robert (Schlienz) und Günter (Sawitzki) – Kerle, die uns aussterbenden Fußballromantikern noch heute die Tränen in die Augen treiben!VfB_Kasten_290px

Der will wirklich nur spielen.
Der will wirklich nur spielen.
Statt platter Werbesprüche der Abteilung Dummdeutsch hätte Kevin ein Denkmal vorm Tempel bekommen (Tempel = so heißt das Westfalenstadion in Dortmund in „Fachkreisen“). Das mal dazu! Allerdings eines, bei dem nicht jeder Hund sein Revier abpissen kann. Endlich sind wir beim Thema.

Denn dass Kevin in ein Hotel …, also das nehme ich ihm bis heute übel. Das wollte ich nämlich schon immer mal selbst, aber ich habe mich nie getraut. Ganz unter uns: Ich wüsste noch einige Orte, die das Pinkeln lohnten, um das mal auf die „Sachebene“ zu beschränken. Und ich würde von diesen aufgeregt Empörten des guten Geschmacks gern einmal wissen, wo sie denn ihren Harn schon überall erleichtert abgeschlagen haben. Und das heute überall ein Idiot der Sorte „Leser-Reporter“ sein Smartphone anlegt, und es dann auch noch Redakteure gibt, die diesen Müll veröffentlichen …

Verdammte Hacke, wo leben wir denn? Offen gestanden, lieber Kevin: Für diese Deppen ist jeder Döner zu schade – und Spätzle sowieso! So viel dazu.

Charakterköpfe auf den kleinsten Nenner runtergeschrieben
Nebenbei: Dass diesen anpassungswilligen Schreiber- und Sprechlingen in ihrem Beruf die Hose flattert, das haben sie verdient. Sie schreiben Charakterköpfe, die noch Eigensinn ausstrahlen (ich erinnere in diesem Zusammenhang auch an Mats H. aus D.), bewusst auf ihr Niveau, den kleinsten Nenner runter, von Gemeinsamkeit keine Spur, eher von statistischem Gleichmaß. Bei denen soll doch jeder, der nicht den x-beliebigen, pseudocoolen jungstinkreichen Kotzbrocken mimt, also einer wie Kevin, in die Anstalt, um sich aalglätten und anpassen zu lassen. Diese Meinungsmacher helfen aktiv dabei, dass bald niemand mehr den Unterschied zwischen Schreibprogrammen und ihrem berechnenden Personalisieren und Skandalisieren kennt.csm_Kevin_1_e62ae0d4d0

So viel zur Sachlichkeit! Das musste mal raus!

Meine Güte: Kevin ist 27, immer noch ein junger Kerl, einer, der aber noch nie zu den Sonnenbank-Schnöseln dieser flachstirnigen „Ja, aber“-Plattitüden-Generation gehörte. In Kevin steckt mehr Leben als in zehn Bayern-Spielern in Lederhosen! Das sind doch die wahren Relationen! Und dass das nix geworden ist, mit ihm in der Türkei, ich meine, das lag an 48 Sekunden, das lag an einem Transferpatzer seitens seines vermeintlich neuen Vereins, weshalb ihm die FIFA bis Anfang Januar die Spielberechtigung aberkannte.

Dass ihn der Süperligist jetzt ohne großes Bohei hat gehen lassen, das war eine richtig große Geste! Denn Kevin ist einer, der noch Spaß am Kicken hat. Ja, der will wirklich nur spielen! Und dieser im besten Sinne Fußball-„Ver-Rückte“ durfte jetzt fast ein Jahr nicht mehr auflaufen. Das hat ihm richtig wehgetan. Der Junge ist heiß. Der hat sich bei Westfalia Wickede (einem Dortmund-Vorort-Club, der in der sechsten Liga kickt) fit gehalten.

Kevin wird sich am Neckar zerreißen
Werte VfBler, ihr habt mit Kevin Großkreutz einen richtig guten Kicker, einen „echten Kerle“ eingekauft, so viel steht mal fest. Der wird sich auch am Neckar zerreißen. Sogar am 9. Februar, da empfängt der VfB den BVB im Viertelfinale des DFB-Pokals. Pflegt mir diesen Mann bloß einigermaßen. Denn dem deutschen FC Hoeneß-Beckenbauer-Rummenigge-Sammer-Fußball täte nichts besser, als ein, zwei, drei, vier, viele Persönlichkeiten wie Kevin Großkreutz.

Und Kevin? Dem wünsche ich dass er endlich wieder spielen kann, ja, dass er wirklich bei euch ankommt. Das hat er verdient. Wirklich. Dass er dann irgendwann wiederkommt, zumindest auf die Süd, das steht natürlich fest. Denn da gehört er hin. Dort soll er sein richtiges Dankeschön kriegen. Schließlich hat er das Profil des neuen BVB entscheidend mitgeprägt. Wann trifft man heute schon noch einen Kicker, der sich so mit einem Verein identifiziert wie Kevin? – Eben. Und eines steht deshalb natürlich auch fest: Kevin ist einer, der bleibt, auch wenn er geht!

Lieben Kevin, getz hau endlich ab, sons fang ich noch am Heulen an… (Hemmrs jetz? I will jetz nedd heila. Gang ahne!)

Michael Friederici* ist zuerst einmal Dortmunder, BVBler, um genau zu sein. Und das, seit sein Onkel Fritz mit ihm ins damalige Stadion Rote Erde pilgerte. Da hat er Fußball-Fan gelernt, das Schreiben bei der „Westfälischen Rundschau“, danach wohlfeile Kritiken fürs Tübinger Tagblättle verfasst und nebenbei noch das Zentrum Zoo und die Französischen Filmtage mitbegründet und -geleitet. Nach vielen Jahren bei einer Hamburger Filmproduktion nennt er sich jetzt wieder Kulturarbeiter. In dieser Eigenschaft arbeitet er auch für das Dortmunder Online-Fanzine „Gib mich die Kirsche“. Seinen dort erschienenen Beitrag hat er für die Stuttgarter KONTEXT:Wochenzeitung – Ausgabe 250 – kompatibel gemacht.
Und MENGEDE:InTakt! hat gestern bei der KONTEXT:Wochenzeitung nachgefragt, ob der Beitrag nachgedruckt werden könne. Heute hat sich der Autor gemeldet und u.a. folgendes mitgeteilt:
Guten Nachmittag,
die Kontextler haben mir gerade Ihre Mail übermittelt. Das freut mich als „alten Dortmunder“ natürlich… Meinetwegen steht dem nix im Wege.  Einzig: Das Ding stand zuerst im Netz bei „Gib mich die Kirsche“, bei denen ich ab und an etwas zutiefst Schwarzgelbes loslasse – aus der Hamburger Diaspora  (www.gibmich-diekirsche.de); von deren Fotografen sind auch die Bilder… Aber das werden wir, denke ich, ohne große Friktionen „über die Bühne“ bringen. 
Beste Grüße,
Michael Friederici
Hamburg
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