Erinnerungen an das Ende des Zweiten Weltkrieges in Bodelschwingh und Westerfilde (10)

Heute:

Erinnerungen von Heinz Hiller (* 1934) Emilstraße 6,
überarbeitet im März 2016

Vorbemerkungen:
Im Juni 2009 hat die Gruppe Bodelschwingh-Westerfilde des Heimatvereins Mengede ein kleines Büchlein herausgegeben, das Erinnerungen an das Ende des Zweiten Weltkrieges in Bodelschwingh und Westerfilde wiedergibt. Diese Erinnerungen sind in 300 Exemplaren erschienen, bis auf den Archivbestand sind sie inzwischen alle vergriffen.
Da die Texte auch heute noch aktuell sind, haben wir uns entschlossen, in loser Folge und auszugsweise die „Erinnerungen“ nachzudrucken. Wir denken aber auch, mit einer erneuten Veröffentlichung dem Wunsch der damaligen Herausgeber nach einer „lebendigen Weitergabe unserer erlebten Geschichte in Bodelschwingh und Westerfilde“ zu entsprechen. MENGEDE:InTakt! setzt heute die Erinnerungen mit einem Bericht von Heinz Hiller fort. Einer der damaligen Herausgeber – Otto Schmidt – hat die Betreuung der auszugsweisen Neuauflage übernommen und wird die damaligen Angaben – wenn nötig – durch zusätzliche Informationen ergänzen. (K.N.)

Heinz Hiller erinnert sich:

Bombenangriff auf Westerfilde.
Es war um die Mittagszeit am 7.März 1945, als das Schreckliche passierte. Wir, die Familien Hermsen und Borns auf der einen, und Riegel und Hiller auf der anderen Seite, bewohnten das Haus Emilstraße 6, in der Nähe des Hundemarktes.

Beim Heulen der Sirenen, das bedeutete Fliegeralarm, haben sich alle in die Keller begeben. Die Keller beider Seiten des Hauses waren sehr gut als Luftschutzkeller ausgebaut. Die Männer aller vier Familien arbeiteten auf der Zeche Westhausen. Sie wussten aus ihrer Tätigkeit ,,unter Tage“ , wie man einen Keller mit Bahnschwellen und dicken Holzstempeln relativ sicher vor Einsturz und Zusammenbruch schützen kann. Auch wurde ein Durchbruch im Keller gemacht. Dadurch konnte man das Doppelhaus auf beiden Seiten verlassen.

Als die Bomben fielen, Volltreffer aus das Schlachthaus der Metzgerei Steffen und auf die Gaststätte ,, Linden“, beides etwa 25 bis 50 Meter von uns entfernt, da hat die Erde unter uns gebebt. Das Licht ging aus und von der Decke fiel der Putz auf uns nieder. Es war nur noch Staub im ganzen Keller. Wir Kinder lagen auf Strohsäcken auf dem Boden, und unsere Mütter haben sich schützend über uns gebeugt. Wir alle haben geweint und gebetet.

Dann war plötzlich Totenstille. Der Staub verzog sich, die Kellertüren wurden aufgemacht und wir sahen Licht und wussten in dem Moment, wir hatten überlebt und konnten ins Freie. Der Schock war groß als wir sahen, was alles passiert war.

Etwas später bin ich zur Bäckerei Nöthe an der Westerfilder Straße gelaufen, wo unsere Oma Maria wohnte. Das Haus war jetzt teilweise eingestürzt. Für die Hausbewohner und die, die in der Bäckerei arbeiteten, hatte man zwischen zwei Backöfen einen Bunker errichtet. Der hintere Teil des Bunkers war eingestürzt. Es gab viele Tote. Meine Oma Maria und die Bäcker, die zuletzt gekommen waren, hatten überlebt. Das kleine Kind, das Oma auf dem Schoß hatte, leider nicht.

Auf dem kurzen Rückweg zur Emilstraße musste ich wieder an der Gaststätte ,, Linden“ vorbei. Dort lagen jetzt die Toten, die man inzwischen aus der Ruine geborgen hatte, nebeneinander auf der Straße. Es wurden immer mehr. Ich glaube, zum Schluss waren es fünfzehn.
Alle Toten des Bombenangriffs aus Westerfilde wurden auf den verschiedenen Friedhöfen in Westerfilde und Bodelschwingh beerdigt.

Die Trauerfeier für die katholischen Opfer war am Sonntag, 11. März 1945 und wurde von Pfarrer August Stöcker gehalten. Ich habe die Trauerfeier als Messdiener miterlebt. Es wurden zweiundzwanzig Leichen nebeneinander beerdigt. Die Gräber wurden nicht einzeln ausgehoben, sondern ein Bulldozer hatte eine große Grube ausgehoben. Die Särge wurden nebeneinander, natürlich mit Zwischenräumen, aufgestellt. Der Pfarrer und die Messdiener sind in die Grube gegangen; es wurde jede Leiche einzeln gesegnet.

Kriegsende / Befreiung durch die Amerikaner.
Am 7. April 1945, genau einen Monat später, kamen die Amerikaner nach Westerfilde. Alle Hausbewohner hielten sich an dem Tag im Keller auf. Ich weiß genau, ich hatte keine Angst, war aber sehr aufgeregt. Nachdem die Amerikaner den Keller und das Haus nach deutschen Soldaten durchsucht hatten, durften wir den Keller verlassen. Ganz schüchtern hatte ich eine kleine weiße Fahne in der Hand. Ein schwarzer Soldat nahm mir die Fahne ab, steckte sie außen am Haus hinter das Regenrohr und nahm mich auf den Arm. Da sah ich noch mehr amerikanische Soldaten über die Zechenmauer am Ende der Emilstraße klettern. Mit dem Gewehr im Anschlag durchsuchten sie alle Häuser nach deutschen Soldaten. Ich kann mich nicht erinnern, dass geschossen wurde. Es gab keine Kämpfe. Dann quartierte sich im Erdgeschoss unseres Hauses eine kleine Gruppe von Soldaten ein. Ein Hausbewohner, Herr Riegel, musste Kaffee kochen , aber auch selber mittrinken. Später, als immer mehr Soldaten kamen, wurde das ganze Haus geräumt. Wir, die ausquartierten Bewohner, kamen ganz selbstverständlich bei den Nachbarn gegenüber unter.
Am Fenster im Obergeschoss, in der Wohnung unserer Oma Toni wurde ein Maschinengewehr aufgestellt, mit dem die Soldaten in Richtung Kirchlinde schießen konnten. Am Löschteich, auf Grollmann’s Wiese, neben Schleef/Neurath, an der Straße „Im Odemsloh“, standen leichte Geschütze, mit denen die Amerikaner in Richtung Kirchlinde/Westerfilder Berg schossen.

Ich habe die Amerikaner als freundlich und höflich erlebt.
Wir waren alle froh, dass der Krieg in Westerfilde vorbei war.
Am Ende des Krieges war ich 10 Jahre alt.

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