Buchempfehlung – „Sehnsucht bleibt“

Purple Schulz:  „Sehnsucht bleibt“ 

Ein Buchbesprechung von Klaus Neuhaus*
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Klaus Neuhaus

Den Musiker Purple Schulz kennen wir durch einige seiner Hits wie „Verliebte Jungs“ oder „Sehnsucht“ aus den achtziger Jahren.
Den Menschen hinter diesen Songs lernen wir auf eine sehr ehrliche und sympathische Art erst jetzt durch seine Biografie „Sehnsucht bleibt“ kennen.

Als Musiker lese ich Musiker-Biografien grundsätzlich aus Interesse, aber selten mit so viel Vergnügen wie dieses Buch.
Einige Ereignisse scheinen in Musiker-Leben parallel zu laufen, so auch in Purples Geschichte: Schwierige Kindheit und/oder Pubertät inklusive des gespannten Verhältnisses zu den Eltern. Schule zeitig abgebrochen oder erst später zu Ende gebracht. Die Ausbildung abgebrochen oder durch zahlreiche Jobs ersetzt.
Das findet man so auch in den Biografien anderer aktueller Musiker wie Clueso, Bosse oder Hans Zimmer (berühmter Filmkomponist).buch-web-rgb-271x300

Nun wurde er gut zehn Jahre nach dem 2. Weltkrieg geboren, aufgewachsen mit der Sprachlosigkeit seiner Elterngeneration, was Heimweh, Fernweh und Sehnsucht gleichermaßen förderte, wie er uns schon im Prolog verrät. Der Blick aus der elterlichen Wohnung in Köln fiel direkt auf den großen Palast des Gerling-Konzerns, erbaut von Hitlers Baumeister Arno Breker.
Erste Band-Erfahrungen hatte er seit 1972, erste Drogenerfahrungen fast zwangsläufig. Auch das kennen wir aus anderen Musiker-Lebensläufen.

Zu seinem Glück hat er seine Drogenkarriere auch früh wieder beendet und mit 16 Jahren seinen letzten LSD-Trip eingeworfen.
Glück auch, dass er nach diversen Jobs dann sehr schnell erfolgreich war, und das in der für Musiker goldenen Zeit der Achtziger, als man mit guten Platten-Verkäufen und vielen Radio-Spielungen noch reich werden konnte.
Nicht nur zu seinen Hits, sondern auch zu sehr vielen Album-Titeln baut er die kompletten Texte in die persönlichen Geschichten seines Buches ein. Also ein netter Service für den Leser? Nein, nicht nur das. Er stellt alle Texte immer in gesamtgesellschaftlichen Zusammenhängen vor. Er erinnert uns an politische Geschehnisse, die Jahre her sind, aber schmerzhaft in unsere aktuelle Zeit passen.

Da ich das Buch in den Ferien nach den Anschlägen in Frankreich, München etc. gelesen habe, hatte ich noch die Sätze in den Ohren:
So schlimm war es noch nie.
Das ist eine ganz schwierige Zeit.
So was hat es noch nie gegeben.
Was soll das noch werden.
Plötzlich erinnert mich Purple Schulz an die Terrorwelle in Frankreich, die ab Dezember 1985 über ein Jahr mit vielen Anschlägen auf Kaufhäuser, Restaurants und Cafés viele Todesopfer forderte.

Er erinnert auch an die schlimmsten Anschläge, die es in Deutschland nach dem Krieg gegeben hat, als im Sommer 1992 in Rostock-Lichtenhagen 1000 Rechte „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus“ riefen und anschließend Molotow-Cocktails auf das Sonnenblumenhaus warfen, das zu der Zeit von Vietnamesen und Asylbewerbern aus Osteuropa bewohnt war. 3000 Bewohner des Ortes standen daneben und applaudierten. Polizeiführung und Politiker waren einen Tag vorher über die Pläne informiert und fuhren trotzdem über das Wochenende nach Haus zu ihren Lieben.

Wer sprach in der üblichen Täter-Opfer-Vermischung kurz später von einem unkontrollierten Zustrom von Asylbewerbern, lange vor Pegida, der AFD und Horst Seehofer?
Der feine Herr Rudolf Seiters, CDU, seinerzeit Innenminister.
Auch daran erinnert Purple Schulz, obwohl er auch zu dieser Zeit einen Großteil seiner Fans in Ostdeutschland hatte und heute immer noch hat. Der Grund dafür sind die letzten vier Wörter „Ich will hier raus“ aus seinem Lied „Sehnsucht“. Das nahmen schon die ehemaligen DDR-Bürger wörtlich, wie er schon bei seiner DDR-Tour im Sommer 1989, also vor der Wende, erfahren konnte.

Überhaupt dieses Lied „Sehnsucht. Wie wurde es zu einem Hit? Jedenfalls gegen den Willen seiner Plattenfirma, so viel steht fest. Die hatte zwei andere Titel des Albums favorisiert, die aber mehr oder weniger floppten. Die Band jedoch glaubte an diesen Song.
So machten sich damals zwei Freunde auf den Weg zu einem einflussreichen Musikmanager, tranken ihn unter den Tisch und spielten ihm danach „Sehnsucht“ vor. Folge: Der Manager rief mitten in der Nacht den Plattenboss an und „befahl“ ihm, diese Nummer gleich am nächsten Tag als Single zu veröffentlichen.
Der Rest ist Pop- Musikgeschichte.

Erlittene Verletzungen ziehen sich wie ein roter Faden durch dieses Buch. Seien es Verletzungen durch die Eltern, durch seine Plattenfirma (sie verschenkte ohne Rückfrage eine seiner goldenen Schallplatte an eine unbekannte Nachwuchs-Band) oder durch Kollegen. Oh ja, die gibt es auch. Selbst Musiker sind nicht immer lieb, erst recht nicht untereinander.

Vor dem Konzert zum Anti-WAAhnsinns-Festival gegen die Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf vor 100.000 Zuschauern fragte ihn die Kollegin Inga Rumpf, weshalb „jemand wie er“ dort überhaupt auftreten dürfe.
Der Sänger Rio Reiser bezichtigte ihn gar des Plagiats – das nur als kleiner Auszug.

Darüber hinaus erfährt der Leser, dass der Alltag bekannter Musiker nicht viel anders aussieht als bei „Normalos“: Eltern müssen irgendwann betreut werden und sterben. Kinder werden krank, schmerzhafte Trennungen von Kollegen stehen an. Das kennen so oder ähnlich alle Menschen.
Eher typisch für Musikerseelen ist, dass plötzlich ein vermeintlicher Freund auf der Matte steht, sich das Vertrauen erschleicht und innerhalb kürzester Zeit das komplette Vermögen durchbringt.

So ist es leider auch Purple Schulz passiert.
Lieber Purple Schulz, du hast ein sehr interessantes Buch geschrieben. Und wie du die Liebe zu deiner Frau Eri beschreibst, das ist einfach rührend und herzergreifend schön.

„Sehnsucht bleibt“-Purple Schulz
Edition Fredebold-ISBN: 978-3-944607-19-1
*Klaus Neuhaus ist bekannter Musiker aus Mengede. In diesen Tagen wird im Unkorekt-Verlag von ihm ein Buch veröffentlicht: „Der Spielzeug-Reformator und andere Gerechtigkeiten.“ MENGEDE:InTakt! hat daraus am 31.8. 2016 die Kurzgeschichte „Die Kunst mit der Kunst“ veröffentlicht; vorher hatten wir am 16.8.2016 in einem Beitrag in der Serie „Auf eine Tasse Kaffee mit…“ über ihn berichtet. Befragt nach seiner Beziehung zu Mengede erfolgte am Schluss dieses Gesprächs das etwas überraschende Bekenntnis: „Mengede ist in meinem Herzen, in meinem Kopf und häufig in meinen Träumen. Und so wird es bleiben, obwohl ich dort seit vier Jahren nicht mehr wohne. Mengede ist meine Heimat, so wie es die Heimat meiner Eltern und meiner Großeltern war.“

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