Die neuen DEW-Tarife: Verwirrung der Kunden statt mehr Übersichtlichkeit

 Akoplan und BUND helfen durch den Tarif-Dschungel

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Was hat eine PC-Datenrettung mit der Lieferung von Haushaltsstrom zu tun? Wieso kann ich beim örtlichen Energieversorger plötzlich Kaffee-Gutscheine erwerben/bekommen? Und wieso soll sich der Kunde bei einer Rohrverstopfung (Notfall) ausgerechnet an seinen Stromversorger wenden?

Heiko Holtgrave – von Akoplan – Institut für alternative Kommunalplanung e.V. –  und Thomas Quittek – vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland – Kreisgruppe Dortmund – haben den Versuch unternommen, die neuen Stromangebote der DEW einmal kritisch zu durchleuchten und zu prüfen, was denn auf die Verbraucher zukommt. Nachfolgend ihre eher ernüchternden Ergebnisse:

„Die obengestellten Fragen hören sich etwas merkwürdig an, aber die neuen Stromangebote der DEW21 sehen von ihrer Struktur tatsächlich so aus, als hätten sie miteinander  zu tun. Da wird in den Tarifen „Komfort“ und „Premium“ nur so zusammengepackt, was das Zeug hält. Kaffee- Gutscheine für Vapiano oder für ein Bistro am Dortmunder U, 8 Wochen unentgeltlicher Bezug der örtlichen Tageszeitung, ein Müsli-Probierpaket sowie Rabatte ohne Ende – all das wird dem Kunden zusätzlich angeboten, der sich für einen der genannten, dafür etwas teureren Stromtarife entscheidet. Premium-Kunden können überdies diverse Notfall-Dienstleistungen in Anspruch nehmen, z.B. einen speziellen Schlüsselfund-Dienst, eine Handwerker- Soforthilfe oder eben auch eine Datenrettung für den heimischen PC, wenn dieser aus irgendeinem Grund Schaden genommen hat (Schutzbriefleistungen).*1

Solebad, Fitness-Training, Eislaufen, Museumsbesuch, Freizeitpark – alles dabei. Fehlen eigentlich nur noch Eintrittskarten für Kino und Theater, und vielleicht eine Kreuzfahrt auf der Ostsee. Aber Spaß beiseite: Wer eines dieser beiden „Strom-Produkte“ von DEW bucht, weiß nicht mehr, wie viel er für den eigentlichen Strom und wie viel für die sog. Inklusiv-Leistungen (Rabatte und Schutzbriefleistungen) auf den Tisch legt. Soll er auch gar nicht wissen, denn das ist ganz offenkundig die Absicht des Unternehmens: Verwirrung zu stiften und Vergleiche mit den alten DEW-Tarifen oder mit den Preisen anderer Stromanbieter zu erschweren.

Dieser Eindruck wird noch dadurch unterstrichen, dass dieser Tarif – im Gegensatz zu den beiden „gehobeneren“ – nur als online-Tarif angeboten wird.

Angeblich diene die neue Tarifstruktur einer größeren Übersichtlichkeit für den Verbraucher, aber das Gegenteil ist der Fall. Da wird zusammengeschnürt, was eigentlich nicht zusammengehört. Um dem noch die Krone aufzusetzen, ist auf der Homepage von DEW21 seit Mitte 2016 keine allgemeingültige tabellarische Übersicht über die angebotenen Stromtarife mehr zu finden. Ohne Angabe einer genauen Adresse, plus Angabe eines Stromverbrauchs, kommt man im Portal nicht weiter. Was übrigens auch den Eindruck erzeugt, als würden die Tarife der DEW für Dortmunder Privathaushalte je nach Standort der Wohnung differieren (was faktisch jedoch gar nicht der Fall zu sein scheint).

Akoplan und BUND empfehlen den Verbrauchern genau zu überlegen, welche der als Zusatznutzen angebotenen Rabatte und Dienstleistungen sie voraussichtlich tatsächlich in Anspruch nehmen werden und welche Ersparnis damit verbunden wäre, bevor sie sich für eines der „gehobeneren“ neuen Stromprodukte der DEW entscheiden. Denn der Preisunterschied zum – ebenfalls neuen – „Basis-Tarif“ der DEW ist übers Jahr gerechnet doch erheblich. Altkunden haben ohnehin das Recht, beim alten Tarif zu bleiben.

Zu bemängeln ist in diesem Zusammenhang, dass es den Basis-Tarif – im Gegensatz zu den beiden anderen – nur als online-Tarif gibt. Wir haben nachgefragt: Korrespondenz mit dem Unternehmen und Vertragsverwaltung gehen hier ausschließlich über ein Konto im Internet. Spätestens da ist Schluss mit Kundenfreundlichkeit! Kunden, die über keinen PC mit Internetzugang verfügen, und dabei dürfte es sich überwiegend um ältere und/oder ärmere Personen handeln, haben das Nachsehen. Ist das wirklich das letzte Wort des Unternehmens?

Kritikwürdig ist aus der Sicht von Akoplan und BUND schließlich auch die Verwendung des Begriffs Ökostrom. Die DEW-Werbung suggeriert, dass der Kunde gegen einen Mehrpreis von einem halben Cent pro kWh reinen Ökostrom beziehen könne. In Deutschland gibt es jedoch nur wenige Anbieter, die nicht in irgendeiner Form mit der Atom- oder Kohleenergiewirtschaft verbandelt sind, nicht mit Kohle- und Atomstrom handeln und obendrein darauf achten, dass der von ihnen angebotene Ökostrom nur aus Neuanlagen stammt. Die Dortmunder DEW gehört definitiv nicht dazu – auch wenn sie seit ein paar Jahren vermehrt in Windenergie investiert. Insofern betreibt das Unternehmen mit dieser Werbung Augenwischerei.

Nach eigenen Angaben der DEW stammt auch heute noch rund 45 Prozent des von der DEW gelieferten Stroms aus konventionellen Anlagen. *2

Die angewandte Zertifikatslösung bewirkt im übrigen nichts anderes als eine etwas modifizierte (rechnerische) Verteilung schon vorhandenen Ökostroms auf die verschiedenen Kundengruppen. Ein Spiel mit Zahlen, mehr nicht. *3

Am Gesamt- Strommix ändert sich gar nichts. Und das wird auch so bleiben, solange das Angebot an Ökostrom aus Altanlagen (in Deutschland und benachbarten Ländern) auf dem Markt nicht erschöpft ist. *4

Ergo: Wer wirklich Ökostrom beziehen möchte, und nicht nebenbei doch noch die konventionelle Energiewirtschaft unterstützen will (etwa den RWE-Konzern), der wende sich lieber gleich an einen der von den Umweltverbänden empfohlenen Anbieter (Naturstrom, Lichtblick, Greenpeace Energy, EWS Schönau). Wie man auf der Webseite des BUND Dortmund (www.bund-dortmund) gut sehen kann, muss Energie aus regenerativen Quellen gar nicht unbedingt mehr kosten als Energie aus konventionellen Anlagen.*5

Zudem können die Kunden auf der BUND-Homepage noch die alten mit den neuen DEW-Tarife vergleichen, was auf der Homepage der DEW21 nicht (mehr) möglich ist.“

* 1
Nichts als elektrischen Strom erhält man nur im neuen Basis-Tarif der DEW („Strom Basis“). Farbgebung und Sprache sollen jedoch offenkundig dafür sorgen, dass dieses „Produkt“ irgendwie als minderwertig betrachtet wird. Ein Text-Beispiel (aus dem Produktportal der DEW): „Sie wünschen Sich nur Strom und möchten auf Vorteile verzichten? Dann ist „Strom Basis“ genau das Richtige.“
*2
Angabe lt. Kennzeichnung für die Stromlieferungen 2014 (jüngere Daten noch nicht eingestellt). Die Zahl setzt sich zusammen aus 9,1 % Atomstrom, 33,6 % Kohlestrom, 2,6 % Strom aus Gaskraft und 0,8 % Strom aus sonstigen fossilen Anlagen.
*3  Gekauft werden im Zweifelsfall nur Zertifikate; die zugehörigen Stromlieferungen sind entbehrlich. Siehe hierzu Punkt 6 der „Besonderen Bedingungen für Strom Basis-, Komfort- und Premiumprodukte“ der DEW21 (Juli 2016). Weiterführende Infos zum Zertifikatshandel z.B. im Wikipedia-Eintrag zum RECS-System unter https://de.wikipedia.org/wiki/Renewable_Energy_Certificate_System
*4
Davon sind wir noch weit entfernt, nicht zuletzt wegen der riesigen Mengen an Wasserstrom in den skandinavischen Ländern. Eben deswegen legen Umwelt- und Verbraucherinitiativen bei Strom aus erneuerbaren Energien auch sehr viel Wert auf junge Erzeugungsanlagen. Nur der Zubau solcher Anlagen, und natürlich der Rückbau konventioneller Kraftwerke, generiert wirkliche Veränderungen im Gesamtmix.
*5
siehe http://www.bund-dortmund.de/oekotipps/oekostrom, zu Öko-Gas http://www.bund- dortmund.de/oekotipps/oekogas
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