Herbst

Gedanken zum Totensonntag

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Foto: M. Ritterswürden

Mein schlechtes Gewissen erdrückt mich fast. Ich gehe über den evangelischen Friedhof in Mengede. Um diese Jahreszeit wirkt er trostlos. Die toten Blätter unter meinen Füßen rascheln. Die Dunkelheit ist nicht mehr fern. Anfangs finde ich dein Grab nicht.
Es ist schon Monate her, als ich das letzte Mal hier war. Endlich erblicke ich die Grabplatte deines Urnengrabes. Dort muss es sein. Den mitgeführten Handfeger ziehe ich aus meiner Manteltasche und befreie die graubraune Platte vom Herbstlaub. Die ehemals weiße Inschrift ist nach neun Jahren kaum noch lesbar.

Horst Körber
21.05.1941 – 22.08.2007

Tausend Ausreden fallen mir ein, warum ich so lange nicht bei dir war. Doch keine ist glaubhaft. Wahrscheinlich ist es der winzige weiße Engel, der seit Jahren über deinem Namenszug steht und mich verwundert anschaut. Du könntest mir mal sagen, wer ihn dort hingestellt hat. Bestimmt kannte er/sie dich auch sehr gut. Ein Engel warst du sicher nicht, aber du hattest ein Herz, das größer war als jedes Lebkuchenherz vom Weihnachtsmarkt.

Wir kannten uns seit meiner Kindheit in der Mengeder Heide. Brahms-Kaserne, wie die alten Leute damals unser Geburtshaus nannten. Links wohnten Textoris, Reismanns und Schrinner (Gärtner und Eigentümer des Hauses) und rechts Böselers, Körber und Richter.
Später behauptete ich immer, dass du mich schon im Kinderwagen gefahren hast, was du stets bejahtest, obwohl ich mich eigentlich nicht mehr daran erinnern kann. Du warst acht Jahre älter als ich und hast mich früh unter deine Fittiche genommen. Deine Kumpel waren naturgemäß in deinem Alter, aber du hast immer dafür gesorgt, dass ich beim Straßenfußball mitspielen durfte.

Unser beider Leidenschaft war der Fußball. Es gab nur zwei Vereine für dich. Den FC Schalke 04 und den TBV Mengede 08. Ein Fanatiker warst du jedoch nie. Selbst die Borussen mochten dich. Ich weiß noch wie stolz du warst, als ich mich beim TBV anmeldete und mein erstes Seniorenspiel 1968 gegen den Meidericher SV machen durfte. Ich wurde in der zweiten Halbzeit eingewechselt und spielte gegen Hennes Sabath. Es war wohl ein passables Spiel von mir, denn du und einige andere Zuschauer erzählten mir hinterher, ich hätte gegen Sabath besser ausgesehen, als Stan Libuda einige Wochen zuvor. Leider habe ich das geglaubt.

Meine weitere „Fußballkarriere“ verlief folglich eher schleppend. Ein Spiel von mir hast du aber nie versäumt.

Als ich später in einem Anflug von Wahn sportlicher Leiter beim TBV war, riefst du mich an und fragtest mich, ob ich bei dir vorbeikommen könne. Du wohntest mittlerweile in der Dörwerstraße in Nette. Anfangs mit deinen Eltern. Als diese starben, allein.
Als ich in deinem Wohnzimmer saß, legtest du mir 10.000 DM in bar auf den Tisch und sagtest: „Wenn du Geld für neue Spieler brauchst, nimm dir was!“ Ich habe nicht einen Pfennig genommen, denn ich wusste wie hart du dafür gearbeitet hast.

Unvergessen ist mir auch dein Dialog mit Timo Konietzka, einem ehemaligen Spieler und Trainer vom BVB. Du hattest in der Zeitung gelesen, dass Timo Schuhe verkaufen würde. „Gesunde“ selbstverständlich. Gut für die Knie und die Füße. Das Besondere an den Schuhen war die abgerundete Sohle und der astronomische Preis. Du wolltest sie aber unbedingt haben und wir fuhren dahin. Soweit ich mich erinnere, war es ein Schuh- oder Sanitätshaus in Brackel oder Körne. Der Laden war gerappelt voll. Wie immer, in Situationen, die du nicht gewohnt warst oder die dich verunsicherten, gingst du sofort, im Ruhrgebietshochdeutsch, in die Vollen. „Kuck mal Helmut! Da hinten steht der Timo. Erst Bergmann gewesen, dann bei Borussia gespielt und jetzt verkauft er Schuhe.“

Selbstverständlich richteten sich alle Blicke auf uns.

Natürlich hat er uns persönlich bedient. Horst und Timo, der mittlerweile die Schweizer Staatsbürgerschaft angenommen hatte, duzten sich sofort. Timo, ich glaube, in Lünen geboren, konnte seine sprachlichen Wurzeln auch nicht verleugnen. In dem Gespräch hörte ich viel:„Hasse und weisse und kuckze und gehze.“ Horst musste sich die Schuhe anziehen und einige Schritte laufen. „ Geht gut, Helmut, geht gut“, meinte er zu mir. Dann an Timo gewandt: „Sach ma, Timo, kann man mit de Schuhe auch Fahrrad fahren“? „Damit sollze laufen, Mann, laufen“, antwortete dieser verzweifelt. Du, mein lieber Freund Horst, hast dir dann die Schuhe gekauft und sie nie wieder getragen.

Mit Frauen gingst du sehr respektvoll um. Gerne alleine gelebt hast du nicht. Dein großer Schwarm war Monica Lierhaus, die Sportreporterin. Wenn wir uns wöchentlich in unserer Stammkneipe Haus Lüke in der Siegenstrasse trafen, erzähltes du mir, nach einigen Bieren: „Wenn die Monica Lierhaus mal bei mir klingeln würde, ließe ich sie rein. Und wenn sie sagen würde, Horst, mir gefallen deine Möbel nicht, würde ich sagen, mach dir keine Sorgen, ich kauf neue. Bleib nur hier!“

Unzählige Anekdoten fallen mir ein, aus der Zeit, als wir zusammen geritten sind, wie wir immer augenzwinkernd sagten. Bezug nehmend auf ebenfalls unzählige Bonanza-Folgen. Hoss war dein Spitzname.

Auf mich geachtet hast du immer. Als Kind oder als Erwachsener. Wenn ich wieder mal die Neigung verspürte, meine Lebenskerze von beiden Enden anzuzünden, hast du mir ins Gewissen geredet. Auf dich geachtet hast du nie. Du hast dein Körpergewicht in deinen letzten Lebensjahren nahezu verdoppelt und wogst ca. 150 bis 160 Kilogramm. Richtig schlank warst du ja nie. Als Kind hast du die Hungerjahre nach dem Krieg erlebt. Später das „Wirtschaftswunder“. Vielleicht hat dich das irgendwie geprägt. Als ich dich auf dein ungewöhnliches Essverhalten ansprach, sagtest du nur: „Helmut, du weißt ja, dass das eine Krankheit ist“. Ich habe dazu nie wieder etwas gesagt.

Als deine Kurzatmigkeit schlimmer wurde, wurdest du ins Rochus-Hospital nach Castrop gebracht. Man hat dir dort einen Herzschrittmacher eingesetzt. Bei der Operation fingst du dir das Krankenhausvirus MRSA ein. Nach zwei Monaten wurdest du in die Uni-Klinik in Bochum verlegt. Nach weiteren zwei Monaten starbst du dort. Besucht habe ich dich fast täglich. Wenn ich aus familiären Gründen nicht vorbeikommen konnte, klingelte mein Telefon. Du ließt dir dann irgendwelche Dinge einfallen, die ich dir noch vorbeibringen müsse. Du wolltest nicht alleine sein. Die letzten Worte, die du mir noch im einigermaßen klaren Kopf, bevor man dich mit Schmerzmitteln vollstopfte, sagtest: „Helmut, besorg mir mal ’nen Fernseher, gleich spielt Schalke“.

Für mich warst du immer ein Held. Einer der geerdet war. Wusste,wo er hingehörte, aber auch, wo er herkam. Selbstdarsteller und Egoisten, von denen es heute auch in Mengede zu viele gibt, waren dir stets zuwider. Einfache klare Worte waren dein Ding. Für dich zählte nicht das Ich, sondern nur das Wir. Höre dich jetzt schon wieder sagen: „Mach mal halb lang, Helmut“.

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