Für Kult-Objekte vom anderen Ende der Welt ging es auf Reise in die Steinzeit

Ulrich Kortmann vor Stelen mit Geisterfiguren, die als Balken in Kulthäusern standen.

Ulrich Kortmanns Weg vom Weltenbummler zum Galeristen für Stammeskunst

Was Ulrich Kortmann geschafft hat, gelingt selten: aus dem Hobby, durch die Welt zu bummeln, einen Beruf zu machen, dazu ein Geschäft aufzubauen, das seit mittlerweile über 30 Jahren besteht, eine Galerie für ozeanische und südostasiatische Stammeskunst. Im Frühjahr 2017 gab es in den Räumen am Brackeler Hellweg 65 eine ganz spezielle Ausstellung. Rund 200 Objekte alter, archaisch wirkender Töpferkunst aus Papua-Neuguinea waren zu sehen. Dass sie einer noch der Steinzeit verhafteten Kultur entstammen, ist kaum zu glauben angesichts der hohen handwerklichen Qualität. Dennoch entstanden sie ohne Töpferscheibe und wurden im offenen Feuer gebrannt.

Suppenschalen wie diese wären für Europäer nutzlos, weil sie auf einem Tisch umfallen.

Schüsseln und Suppentöpfe sind dabei am meisten vertreten. Was Europäern auffällt: Man kann sie nicht hinstellen. Sie haben keinen flachen Boden, laufen unten spitz zu. Tische gehören nicht zur Esskultur der Naturvölker. Weit umfangreicher sind die großen, dickwandigen Schalen, die als Herde dienen. Darin stehen Schalen und Töpfe während des Kochens auf passenden Untersätzen. Außerdem gibt es noch Ritualgefäße, geschmückt mit abstrahierten Gesichtern.

Von 1984 bis 92 jedes Jahr auf Schatzsuche im tropischen Dschungel

Als junger Mann packte Kortmann einmal im Jahr seinen Rucksack. Dann verließ er den Alltag in der Oestricher Vogelsiedlung, wo er noch heute wohnt, um auf der anderen Seite des Planeten eine Reise in die Steinzeit zu unternehmen. Dabei riskierte er die Begegnung mit Stämmen, die damals ab und zu noch Kopfjagd und Kannibalismus praktizierten. Entstand da nicht manchmal ein mulmiges Gefühl? „Überhaupt nicht,“ versichert der Dortmunder: „Bei den Stämmen war es sicherer als in der Stadt.“ Bei den Naturvölkern gäbe es kaum Kriminalität.

Das zu Melanesien gehörende Papua Neuguinea , die zweitgrößte Insel der Welt, war zwischen 1984 und 1992 alljährlich Reiseziel – nicht nur, um Abenteuer zu erleben, sondern auch, um Kult- und Kunstobjekte der unzähligen Stämme des dünn besiedelten Vielvölkerstaates mitzubringen und in der Galerie „Tambaran“, zunächst ebenfalls in Oestrich, europäischen Sammlern anzubieten. Den Namen änderte er später in „Tribal Art“ Kortmann, weil es in New York bereits eine Galerie Tambaran gab. Links im Bild Papuas in traditioneller Umgebung.

Naturreligionen als Inspirationsquellen für Schnitzer, Töpfer, Maler

Tambaran ist übrigens der Pidgin-Name der Papua-Kulthäuser. Das sind hallenartige, bis 25 Meter hohe Gebäude, kultureller Treffpunkt und Ort für Zeremonien. Eisenhartes, wetterfestes Holz ist Material dieser urtümlichen Pracht-Architektur, in der die Mythen-Welt der Erbauer sichtbar wird. Balken, Giebel und Mobiliar zeigen Gesichter und Gestalten von Geistern, Ahnen und Tieren, denen in Naturreligionen wichtige Rollen zugeschrieben werden. Im frühen 20. Jahrhundert inspirierten sie die bildende Kunst in  Europa.

Vögel sind oft zu entdecken; auch Krokodile sind als Motive beliebt. Ihre gewaltigen Körper im Schuppenpanzer wurden oft in Einbäume gemeißelt. Die kunstvollen Kanus sind bis heute beliebte Sammelobjekte, allerdings nur der Bug mit dem beeindruckenden Schädel des mächtigen Tieres. Kortmann.“ Die Boote müssen durchgesägt werden, sonst passen sie nicht in einen Container.“ Das heißt, der Transport würde viel zu teuer. Selbst Museen präsentieren die großformatigen Schwimm-Skulpturen in diesem reduzierten Format.

1992 wurde die Abenteurreise zum Albtraum

Papua-Neuguinea mit seinen unzähligen Stämmen, Religionen und einzigartigen Kultgegenständen blieb acht Jahre lang bevorzugtes Jagdgebiet des Schatzssuchers. Doch 1992 geriet die Abenteuerreise zum Albtraum. Er wurde überfallen und beraubt (nicht von Stammeskriegern, sondern von gewöhnlichen Kriminellen). Die anschließenden Schwierigkeiten mit den Behörden machten das Maß voll. Danach konzentrierte er sich bis zur Jahrtausendwende auf andere Ziele in Ozeanien und Südostasien wie Australien, Mikronesien, Polynesien, Philippinen, Indonesien, Indochina, und Vietnam. Erst ab 2000 wagte er sich wieder zurück auf die große melanesische Insel. Die Sicherheitslage dort hat sich verbessert; auch werden inzwischen die großen Entfernungen durch noch spärliche, aber immerhin asphaltierte Straßen verbunden.

Die Zivilisation hat endgültig ihren Einzug in den urtümlichen Vielvölker-Inselstaat gehalten. Die Kulthäuser verschwinden, genau wie die ursprünglich 839 Sprachen und Dialekte. Sie werden durch Pidgin ersetzt. „Die Verstädterung nimmt zu , wie überall auf der Welt,“ konstatiert der Dortmunder. Die meisten der 7,3 Millionen Papuas sind inzwischen Christen, eine Entwicklung, die nicht zuletzt vor langer Zeit von deutschen Missionaren angestoßen wurde. Bis zum 1. Weltkrieg war ein Teil des Landes deutsche Kolonie. Deutsch als Sprache ist heute fast verschwunden; ein bis zwei Prozent der Bevölkerung spricht Englisch. Bis 1975 standen die Papuas unter australischer Verwaltung.

Noch zaghaft, aber unumkehrbar: die Welt im Wandel

Im Vergleich zu anderen Ländern sind Papua-Neuguineas Schritte in Richtung Moderne noch zaghaft. „Im Gegensatz zu Indonesien und Indochina gibt es kaum organisierten Handel echter Antiquitäten,“ so Kortmann. Was die Papuas allerdings besser als alle anderen, ansonsten viel effektiver organisierten Nachbarn hinkriegten, sei das Versenden der alten, teilweise recht fragilen Stücke: „Ohne irgendwelche Verpackung oder anderen Schutz gelingt es ihnen, einen kompletten Container mit Gegenständen zu füllen.“ Und die kämen alle heil an, während sorgfältig eingepackte Stücke aus Südostasien gelegentlich zu Bruch gingen.

Das Verpacken und Versenden ist inzwischen für den Galeristen selbst ebenfalls ein wichtiges Thema. Die meisten Kunden nutzen mittlerweile das Internet. Auch alte Kunst wird online vermarktet. Die persönliche Begegnung zwischen Anbieter, Interessenten und Werk in einer Ausstellung spielt kaum noch eine Rolle. Die Räume am Brackeler Hellweg dienen daher zumeist als Lagerfläche.

Im Ausstellungsraum der Galerie werden die weitgereisten Objekte ins rechte Licht gesetzt.

Authentische Objekte des Dortmunders in vielen großen Museen

Kortmann hat von Anfang Wert darauf gelegt, authentische Objekte von hoher Qualität nach Europa zu bringen, keine als Touristen-Souvenirs hergestellte Massenware. Daher ist er nicht nur international bei Sammlern bekannt geworden – Gegenstände aus seinem Angebot werden heute in bedeutenden Häusern gezeigt: im Museum für Völkerkunde, Berlin, Linden-Museum, Stuttgart, Rautenstrauch-Joest-Museum, Köln, Völkerkundemuseum, Heidelberg, Forum der Völker, Werl, Museum der Kulturen, Basel, Museum für Völkerkunde, Dresden, Wereldmuseum, Rotterdam, Barbier-Mueller-Museum, Genf, Ethnographischen Museum, Antwerpen und – last not least – dem National Museum und Art Gallery in Port Moresby, der Hauptstadt Papua Neuguineas.

Wer mehr über den Galeristen und sein Unternehmen erfahren möchte, kann dies auf der Webseite des ehemaligen Weltenbummlers tun: www.ulrichkortmann.com

Fotos ©: M. Zybon-Biermann, Bild vom Ausstellungsraum: Kortmann

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