Schmähgesänge – Eine Kolumne von Peter Grohmann

Schmähgesänge

(c) Martin Storz

 Eine Kolumne von Peter Grohmann
KONTEXT:Wochenzeitung vom 29. 3. 2017

„Sieg oder Massenschlägerei“ – das ist ein beliebter Schmähgesang auf den unteren Rängen in den Stadien: eine ganz klare Ansage, bei der große oder kleine Koalitionen nicht mithalten können. „First we take Saarbrücken“? Hat nicht geklappt. Die unteren und die oberen Ränge lieben Annegret Kramp-Karrenbauer – quer durch alle politischen Farben. Mist.

Mit den Arbeitslosen allein, die zu 30 Prozent dunkelrot wählten, ist ja auch kaum Staat zu machen. Aber sogar wenn selbst die Gebildeten im Saarland Annegret besser finden als Oskar oder Martin, bleibt „then we take Berlin“ natürlich eine Option. Wie bei den Schmähgesängen braucht es klare Fronten. „Hoch die internationale Solidarität!“ ist eben einfach zu wenig.

In den letzten Tagen gingen, von den Leitmedien wenig beachtet, Türken und Kurden gemeinsam auf die Gass‘. Viele waren es nicht (aber das bleibt unter uns!). Wie in Saarbrücken waren die Hochrechnungen der Nein-Gemeinde utopisch und lassen ahnen: Erstes kommt es anders, zweitens als man denkt. Mit der Solidarität der biodeutschen Genossen war’s nicht weit her, und so blieben die Trommeln fürs Hayır, fürs Nein beim Referendum eher leise. Öffentlich sichtbar waren am letzten Wochenende in Stuttgart vor allem die Kohorten der Polizei – Äffle und Pferdle, Tränengas und Knüppel als Drohkulisse: Haltet Euch fern von den Rettern der Demokratie, war die Botschaft.

Die Neffen des Sultans, Freiwillige aus Konsulaten, der AKP und dem türkischen Verfassungsschutz, waren umso eifriger, Kopf und Kragen der Demo-Teilnehmer im Bild festzuhalten: Das wird man alles noch brauchen können. Mit von der unangenehmen Partie natürlich auch die Polizei: Sie seien beauftragt, die Hassgesänge zu dokumentieren, sagten die Videofilmer. „Erdogan – Terrorist“ und „Bei jeder Schweinerei ist die BRD dabei“ waren die schärfsten aller Lieder – da hätte selbst meine Omi Glimbzsch aus Zittau mitgesungen, von mir ganz zu schweigen.

„Wir ziehen los, mit Messern und mit Ketten! – Wir machen aus den Haien Fischkroketten“ oder „Lasst uns schlachten einen Sachsen – weil die Viecher so schnell wachsen“ oder „Wen wollen wir lynchen? Bayern München!“ gehören übrigens zu den beliebtesten Schmähgesängen bei großen Sportereignissen. Die sind aber so wenig ernst gemeint wie die internationale Solidarität.

Peter Grohmann ist Kabarettist und Initiator des Bürgerprojekts Die AnStifter.
Die KONTEXT:Wochenzeitung ist eine Internet-Zeitung aus Stuttgart, die seit bald 6 Jahren wöchentlich mittwochs ins Netz gestellt wird. Zusätzlich liegt sie als Printausgabe der Wochenendausgabe der taz bei. Wir danken der Redaktion und Peter Grohmann für die Zustimmung zum Abdruck der Kolumne.
Näheres unter:
http://www.kontextwochenzeitung.de/kolumne/313/schmaehgesaenge-4277.html

Kommentare sind geschlossen.

%d Bloggern gefällt das: