Remember an alte Zeiten

Waffen im „Flüchtlingslager“ und Tanz im Kulturzentrum

Eine Kolumne von Heinrich Werbedes

Prost Stammtischbrüder!

Traf neulich beim Spaziergang den joggenden Freund meines Sohnes. Hatte Totto schon länger nicht mehr gesehen. Überraschenderweise unterbrach er seinen Lauf und sah mich aufgeregt an. Üblicherweise begrüßen wir uns nur aus der Distanz mit „Hallo“ oder „Lass langsam gehen“ oder „Mach halb lang“. Floskeln eben.„Heinrich“, japste er aufgeregt. „Heinrich, hast Du schon gesehen? Bin gerade durch den Volksgarten gelaufen und habe dort auf der Wiese hinter dem Restaurant ein neues Flüchtlingslager entdeckt. Viele Zelte und ältere Leute. Alle schwer bewaffnet und kein Zaun drumrum!“ Totto kniff die Augen zusammen, legte die Stirn in Falten und stierte mich besorgt an. „Aber, aber Junge. Bleib ruhig“, antwortete ich betont jovial. Ich wusste ja, jetzt schlägt die Stunde des großen, allwissenden Heinrich Werbedes. Eine kleine Pause gönnte ich mir noch.

Dann antwortete ich:„Totto, es handelt sich dort doch bestimmt um das in der Zeitung angekündigte mittelalterliche Gaudium“, beruhigte ich ihn. „ Ein Fest. Alle verkleiden sich. Wie Karneval eben. Nur ein paar Wochen später. Motto: Mittelalter! Eine Weile schaute er mich zweifelnd an. Dann gab er mir eine überraschende Antwort:„Heinrich, etwas aufgepasst in der Schule habe ich ja auch. Mittelalter heißt für mich in Schlagworten: Feudalismus, Leibeigenschaft, Kreuzzüge, Pest, 100 jähriger Krieg, Inquisition und durchschnittliche Lebenserwartung von rund 30 Jahren. Die im Volksgarten waren alle älter. Warum versetzen sich die Leute dort in so eine schlimme Zeit. Und warum so viele Waffen, Schwerter, Messer, Lanzen und Bögen“?

Tja, da hatte er mich wohl gepackt, mich, den allwissenden Werbedes. Gott sei Dank verfüge ich aber auch noch über unnützes Halbwissen. Außerdem neige ich manchmal auch zu Verschwörungstheorien.

„Alter Junge. Laut Zeitung fetzen sich die Mittelalterleute doch mit dem Vorstand des Heimatwaldes. Es geht da um Parkplätze. Angeblich brauchen die edlen Ritter und ehrbaren Jungfrauen mehr Platz für ihr Event. Vielleicht wollen sie ja nachts mit ihren Messern und Schwertern die frisch gepflanzten Bäume umhauen“, meinte ich geheimnisvoll.

„Hmm“, nickte Totto,“ klingt irgendwie logisch. Wenn man bedenkt, dass im Mittelalter nur 20 % der Bevölkerung lesen und schreiben konnten…… Ha, Parkplätze im und fürs Mittelalter. Das ich nicht lache. Wir sollten die Polizei anrufen“. „Mach das“, antwortete ich zufrieden und schlenderte weiter. Mein Gesprächspartner nahm langsam Tempo auf und war bald nicht mehr zu sehen.

Mein Handy klingelte. Meine Frau war am Apparat. „Schätzchen, der Heimatverein Mengede veranstaltet am 14.06.17 im Saalbau einen Disco-Abend unter dem Motto „Remember Your Feelings.“ Gehen wir dahin“? Da ich neugierig bin, sagte ich zu.

Der Saalbau war gerappelt voll. Frauen waren in der Überzahl. Einen Abstellraum für Rollatoren suchte ich vergeblich. Beschützt fühlte ich mich durch eine, sich unters Volk gemischte geheime Security. Begrüßt habe ich vier pensonierte Polizisten.

Diethelm Textoris stand am Plattenteller unter dem Namen „DJ Tex“. Bisher ist er ja nicht nur durch DIA-Vorträge, sondern auch durch eigens vorgetragene Seemannslieder im Heimatverein aufgefallen. Ein Kumpel von mir behauptet, er sei der wahrscheinliche Sohn von Hans Albers und Freddy Quinn, der kurz nach dem Krieg in Mengede ausgesetzt wurde. Vielleicht hat ihn ja Lale Andersen zur Welt gebracht.

„DJ Tex“ genoss diesen Abend sichtlich. Er strahlte eine Riesenfreude aus, die sich aufs Publikum übertrug. Neben einer Newcomer-Band sorgte noch ein Profisänger für gute Stimmung. Das Highlight des Abends war für mich jedoch, als mein alter Kumpel Hans H. die vollbesetzte Tanzfläche ansteuerte. Die Disco spielte das weltberühmte Lied „Motorbiene“. Von Benny Quick glaube ich. Er ging breitbeinig, als hätte er eine Kreidler Florett unter dem Hintern. Erstaunlicherweise erreichte er das Parkett vor Ende des Songs. Hans flüsterte beim Tanzen seiner Partnerin den Refrain ins Ohr:“ Brummbapappapapapapa“. Seine Begleiterin schaute verträumt gen Himmel. Da war auch ich selig.

In diesem Sinne Prost!

Euer Heinrich Werbedes.

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