Buchempfehlung: Sozialrevolution

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Der digitalen Revolution muss eine Sozialrevolution folgen.

So lautet die Grundthese in den Beiträgen der 13 Autoren des Anfang 2017 im Campus Verlag erschienen Büchleins „Sozialrevolution“.
Bereits in der Einleitung wird klar, wohin die Reise geht, denn die Autoren entwickeln ihre Theorien und Modelle nicht auf der Grundlage irgendwelcher Hirngespinste oder obskurer Theorien. Sie gehen davon aus, dass sich „die Arbeitswelt in einer der größten Transformationen ihre Geschichte“ befindet.

Neue Formen der sozialen Absicherung sind gefragt
Arbeitsplätze werden durch Maschinen ersetzt und so könnte sich das Szenario einer menschenleeren Fabrik entwickeln: „Die schnell ineinander greifenden Arme gehören Robotern, die rund um die Uhr in einer rasenden Geschwindigkeit arbeiten. Einmal programmiert , vollbringen sie Bestleistung und entwickeln ihre Algorithmen dabei während des Betriebs stetig weiter…. Ein autonom fahrender LKW bringt die Rohstoffe und holt die fertige Ware ab. Die Produktion wird just in time angeworfen, wann immer Kunden eine Bestellung aufgeben. Es gibt keine Über- oder Unterproduktion. Die Produkte werden direkt vom LKW mit Drohnen zu den Kunden gebracht… Menschen braucht es hierzu nur als Konsumenten. Der Rest läuft von selbst.“ (S. 11)

Wer meint, das sei alles zu weit hergeholt, sollte z. B. wissen, dass der Sportartikelhersteller Adidas derzeit in Deutschland eine erste vollautomatische Fabrik baut.

Auf diese Entwicklung am Arbeitsmarkt ist unser Sozialsystem nicht vorbereitet. „Kein Wunder – es ist über 130 Jahre alt. Kein technischer Gegenstand aus der damaligen Zeit hat heute noch Bestand, weder die ersten Autos oder Eisenbahnen noch Maschinen und Fabriken.“ (S. 12)
Und deswegen sei die Frage zu stellen, warum das Sozialsystem noch immer auf ein traditionelles Arbeits- und Familiensystem ausgerichtet ist.

Die bisherigen Kategorien von Wohlfahrtssystemen und Rentenversicherungen scheinen für die absehbaren Entwicklungen nicht mehr geeignet zu sein, weil sie sich nicht auf die Folgen der Flexibilisierung und Globalisierung der Arbeit eingestellt haben. Deswegen setzt sich die überwiegende Anzahl der Autoren des vorliegenden Buches für neue Formen der sozialen Absicherung ein.

Bedingungsloses Grundeinkommen als Teil eines neuen Sozialsystems
Teil dieses neuen Sozialsystems könnten bei einer Reihe der Autoren ein bedingungsloses Grundeinkommen sein, wie es zum Beispiel die Herausgeber Steuernagel und Horner, die Politiker Robert B. Reich (ehemaliger US-Arbeitsminister) und Yanis Varoufakis (ehemaliger Finanzminister Griechenlands), die Ökonomen ErikBrynjolfsson und Michael Tanner, der deutsche Fondsmanager und Investor Albert Wenger mit unterschiedlichen Ausprägungen in ihren Beiträgen darlegen.

Varoufakis sorgt sich vor allem Sorge vor einer überwuchernden Bürokratie, wenn dieses Grundeinkommen nur denjenigen zugestanden würde, die es benötigen. Unter Bezug auf Michael Foucaults Geschichte über das Irrenhaus befürchtet er ein ähnliches wie bei der Psychiatrie zu beobachtendes Problem. Sobald es eine Anstalt für Verrückte gibt, entstehe die Frage: Wer ist verrückt und wer kommt auf welchem Wege in die Anstalt hinein?

Michael Tanner, nach Time Magazine „einer der Architekten der privaten Vorsorge in den USA“ plädiert für ein Grundeinkommen, „weil damit die Sozialbürokraten abgeschafft werden und die Menschen ihr Leben selbst in die Hand nehmen.“

Neue Versicherungssysteme der Selbstorganisation
Andere Autoren setzten auf neuere Versicherungssysteme der Selbstorganisation.
Das Prinzip der Gegenseitigkeit soll vom Sozialstaat auf selbst organisierte und auf gegenseitiges Vertrauen aufgebaute und entwickelte Netzwerke verlagert werden. Es werden neue Modelle von Peer to Peer Versicherung vorgestellt, wie z. B. die niederländischen Broodfonds“ oder Plattformen, wie „Teambrella“ oder „Artabana“, die nach dem Prinzip der liquid democracy auf onlinebasierten Versicherungssystemen arbeiten. Ein Beispiel, das seit längerer Zeit und schon vor Einzug des Internets in Japan praktiziert wird, dienst das japanische Vorzeigemodell „Fureal Kippu“, auf Deutsch „Ticket für gegenseitigen Kontakt. Bei diesem Modell werden freiwillig geleistete Betreuungsstunden einem Konto gutgeschrieben.

Massenarbeitslosigkeit durch den technologischen Wandel?
All diese Überlegungen gehen davon aus, das Massenarbeitslosigkeit droht, weil Maschinen nicht mehr wie bisher nur Routineaufgaben zu übernehmen, sondern den Menschen bald auch qualifizierte Aufgaben abnehmen werden – und das zuverlässiger und schneller.

Eine Studie der Unternehmensberatung McCinsey kommt zu dem Ergebnis das innerhalb der nächsten 10 Jahre bei Versicherungen bis zu 40 % aller Stellen wegfallen. Wissenschaftler der Universität Oxford kamen in einer Studie sogar zu dem Ergebnis dass über alle Sparten hinweg 47 Prozent aller berufe von Computern ersetzt werden können.

Die Wirtschaftswissenschaftler sind sich nicht einig, ob diese Prognosen zutreffen. Eine Gruppe meint: Viele der heutigen Arbeitsplätze werden durch die Weiterentwicklung der Roboter überflüssig, andere beziehen sich auf die Vergangenheit, die gezeigt hat, dass die Digitalisierung nicht zu weniger Arbeit geführt hat.

Ob die Dienstleistungsgewerkschaft Ver:di an einem längerfristigen Konzept arbeitet, wenn sie z. B. mit den Versicherungskonzernen über den Abschluss eines „Zukunftstarifvertrags Digitalisierung“ für die rund 200.000 Beschäftigten der Branche verhandelt, muss sich erst noch erweisen. Ver:di verlangt nicht nur 4.5 % Lohnerhöhung, sondern die Konzerne sollen sich auf einen Verzicht von betriebsbedingten Kündigungen verpflichten. Zukunftsweisende politische Ansätze sehen anders aus.

Zurückhaltung bei den etablierten Parteien beim Thema Grundeinkommen
Angesicht der bevorstehenden Bundestagswahl ist es naheliegend, nachzusehen, welche Parteien sich mit diesen Fragen beschäftigen. Wir haben uns auf das Grundeinkommen beschränkt und uns die Frage gestellt, welche welche der im Bundestag vertretenen Parteien haben Grundeinkommen in ihr Wahlprogramm aufgenommen?

Hierzu gibt es auf der Internetseite von www.mein-grundeinkommen.de Recherchen, die zu folgenden Ergebnissen geführt haben:

Von den im Bundestag vertretenen Parteien (derzeit sind es CDU/CSU, SPD, Bündnis 90/Die Grünen und Die Linke) kann sich bisher keine dazu durchringen, klar Position für ein Grundeinkommen zu beziehen. Während die CDU/CSU sich explizit dagegen ausspricht, knüpft die SPD immerhin an einige Denkansätze an. Zwar gibt sie offiziell bekannt “sie lehne ein bedingungsloses Grundeinkommen ab”, hat jedoch die Idee eines  Chancenkontos ins Spiel gebracht. Dabei soll jede*r Arbeitnehmer*in ein Konto mit bis zu 20.000 Euro erhalten, um Weiterbildungen, Auszeiten etc. zu finanzieren. Allerdings ist hier der Rahmen für die Verwendung des Geldes klar abgesteckt und somit kann von Bedingungslosigkeit keine Rede sein.
Bündnis 90/Die Grünen und Die Linke geben im Wahl-O-Mat an, dem Bedingungslosen Grundeinkommen “neutral” gegenüber zu stehen, sprechen sich jedoch für eine stärkere Auseinandersetzung aus.
Die Grünen plädieren dafür, Grundeinkommen in einem Modellprojekt zu erproben und Erfahrungen aus anderen Ländern zu berücksichtigen.
Die Linke möchte eine Enquete-Kommision zum Grundeinkommen im Deutschen Bundestag durchsetzen. Außerdem wollen sie, dass bedürftige Menschen statt Hartz IV eine Mindestsicherung ohne Sanktionen in Höhe von 1050 Euro monatlich erhalten.

Auf dem Klappentext des besprochenen Buches „Sozialrevolution“  ist Klaus Kleber, Moderator des ZDF-heute Journals zitiert: Dieses provozierende Buch, das einige der bestenfalls aller Welt zusammenbringt. ist ein großartiger Einstig in die Debatte.

Dem kann man sich ohne Einschränkungen anschließen.

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