Satirischer Jahresrückblick im Heinz-Hilpert-Theater Lünen

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STORNO – Die Abrechnung

Jahresrückblicke erleben wir im Augenblick auf fast allen Fernsehkanälen und auch in den Print-Medien. Einen Rückblick besonderer Art gibt es seit ein paar Jahren in unserer Nachbarstadt Lünen. In der Tradition der Kabarettgruppen früherer Jahre halten drei Herren aus Münster eine satirisch bissige Rückschau auf das vergangene Jahr.
Die Veranstaltung hat inzwischen Kult-Status, denn schon wenige Tage nach Beginn des Vorverkaufs im Juni waren alle 760 Karten des Heinz-Hilpert-Theater verkauft.

Am vergangen Freitag präsentierten Harald Funke, Thomas Philipzen und Jochen Rüther ihre „Abrechnung“ für das Jahr 2017. Und wie schon in den vergangenen Jahren, produzierten sie pausenlose Heiterkeit für den Augenblick und vielleicht auch ein wenig Nachdenklichkeit als Langzeitwirkung.

Die Kabarettgruppe aus Münster mit Harald Funke, Thomas Philipzen und Jochen Rüther (von li) präsentierte ihren satirischen Jahresrückblick im ausverkauften Heinz-Hilpert-Theater.

Einstieg ist die geplatzte Jamaika Koalition. Geäußertes Bedauern, dass „Angie“ es so schwer hat, einen Koalitionspartner zu finden. Dabei hat sie doch so viel Qualitäten, wie „Herr“ Funke feststellt. Nicht nur ein kräftiges „Danke Merkel“ hat sie verdient: „Angie wankt, aber sie übergibt sich nicht.“ Und dann ihre Verdienste für Europa: „Der europäische Kontinent ist inkontinent, und Angie ist die Binde.“ Sie wird auch in vielerlei Hinsicht verkannt. Denn früher war sie so etwas wie die Uschi Obermaier der CDU. Es folgt ein Rückblick auf den „März Messias“ der SPD. Da konnte der Erzengel Gabriel den „Heiland aus Würselen“ ankündigen.

Überrumpelung der CDU bei dem Gesetz der „Ehe für alle.“ Nur die katholische Kirche verkündet weiterhin nur die Verbindung von Mann und Frau für akzeptabel. Konsequent verfolgt wäre das sicher eine Entlastung der Messdiener. Staunen über die Schnelllebigkeit unserer Zeit: „Keine Sau kennt mehr Hannelore Kraft.“ Bei der CSU wird „ausgesödert“. Und der Dolch der beiden Rivalen hat eine Doppelspitze. Staunen über den Aufschwung der FDP: „Vor drei Jahren konnten sie noch ihre Bundesversammlung in einer Telefonzelle abhalten.“ Oder die permanente Fernsehpräsenz von Sarah Wagenknecht. „Es gibt ja schon Leute, die halten sie für einen Bildschirmschoner.“

Thomas Philipzen und Jochen Rüther (von li) nahmen das unbekannte Eigenleben vom Amazon Produkt “Alexa” unter die Lupe, ungewollte Lauschangriffe nicht ausgeschlossen.

Und 13% haben die AFD gewählt. Aber: „Der Rest hat sie nicht gewählt.“ Thematisch ist man jetzt nicht mehr weit von Sachsen entfernt, denn das liegt in unserer Republik „rechtsaußen“. Dieses Bundesland ist ja auch in vielem zu kurz gekommen, vor allem chronisch unterfremdet. Musikalisch wird frei nach Rolf Zuckowskis mit „Das mag ich“ die deutsche Leitkultur herausgestellt: Treuepunkte sammeln, Geiz ist geil, lautes Hupen im Verkehr, weiße Socken zu Sandalen und vor allem Klagen ohne zu leiden. „Nur wenn Gauländer meine Identität bestimmen wollen, das mag ich nicht:“

Nicht nur die führenden Repräsentanten und ihre Politik werden gehörig aufs Korn genommen, auch Alltagsthemen werden nicht ausgeklammert: Die Dieselfahrer als „Raucher unter den Autofahrern“, die sich aus Angst vor Diskriminierung nur noch trauen, nachts zu tanken. Die „veganen Kannibalen“, die aus ideologischen Gründen noch nicht mal eine Pudelmütze tragen. Oder die permanente Schulreform, durch die die Schule zum Reformhaus wird. Dabei gibt es eine Gruppe, die einen dringenden Förderbedarf hat: die Kultusminister. Denn die haben wohl vergessen, dass man nur eines braucht, nämlich guten Unterricht.

Umwerfend ist die Parodie auf den Videobeweis beim Fußballsport, mit dem sie den Geldfluss bei der Katar-Nominierung für die WM persiflieren. Zeitlupentempo, ohne Ton, doch reichlich Gelegenheit für Pantomime und Grimassenkino. Fazit: „Ethik-Kommission der FIFA ist so ein Widerspruch wie trockenes Wasser.“ Herrlich ist dann auch die musikalische Zugabe mit den Meistern der klaren Aussprache, Grönemeyer und Lindenberg. Statt „Sie spielte Cello“ „Hab jetzt ‘nen Bello.“

Auch im Grimassenschneiden sind sie meisterhaft: Harald Funke, Thomas Philipzen und Jochen Rüther (von li), hier bei der Pantomime “Videobeweis”

„Die drei boten in Wort, Mimik und Gesang eine hervorragende, tiefgründige Satire. Dabei waren sie politisch höchst aktuell“, urteilte Besucherin Angela Wegener-Nachtkamp. Und Friederike Otto meinte: „Das war eine gelungene Mischung aus scharfzüngigem Kabarett, niveauvoller Comedy und Entertainment mit spritzigen Gesangs- und Tanzeinlagen.“

Und alle freuen sich schon auf das nächste Jahr, wenn es wieder heißen wird:

STORNO – Die Abrechnung

 

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