| „Mit seiner hohen Bevölkerungsdichte und der daraus resultierenden Dichte des Kanalnetzes in Verbindung mit mehreren Großkläranlagen ist die Emscher-Lippe-Region wie keine andere Region in Deutschland dafür geeignet, mit Abwasserwärme zu heizen. Mehrere Hundert Kilometer dieses dichten Kanalnetzes gehören Emschergenossenschaft und Lippeverband – und jeder unserer Kanäle ist eine potenzielle Wärme-Autobahn. Wenn nur zehn Prozent der potenziellen Abwasserwärme genutzt würden, könnte unser Kanalnetz den Wärmebedarf einer mittelgroßen Stadt mit zirka 30.000 Einwohner*innen decken. Betrachtet man zusätzlich auch noch unsere rund 60 Kläranlagen, fällt das Wärmepotenzial noch einmal deutlich größer aus“, sagt Prof. Dr. Uli Paetzel, Vorstandsvorsitzender von Emschergenossenschaft und Lippeverband.
Nicht nur ökologisch liegt hier also ein Schatz, den es zu heben gilt. Auch ökonomisch ist die Abwasserwärmenutzung eine ernst zu nehmende Alternative zu fossilen Energieträgern und liefert zuverlässig ein hohes Wärmepotenzial. Vor allem die Kommunen stehen aktuell vor dem Hintergrund hoher Energiepreise vor der Herausforderung, eine Wärmeplanung aufzustellen. Abwasserwärme kann einen nachhaltigen und effizienten Baustein eines ganzheitlich betrachteten, kommunalen Wärmekonzepts bilden. Insbesondere für Abnehmer wie Seniorenwohnheime, Bäderbetriebe oder Kläranlagenbetreiber ist Aquathermie eine sinnvolle Möglichkeit, sich von fossilen Energieträgern unabhängig zu machen.
Pilotprojekt im Schwimmbad in Bochum, weiteres Projekt im Seniorenheim in Dortmund
Ein gutes Beispiel zeigt ein Pilotprojekt von EGLV in Kooperation mit der Stadtwerke Bochum GmbH auf: 2009 wurde die Aquathermie im Bochumer Nord-West-Bad umgesetzt. Die Stadtwerke nutzen dort die Abwasserwärme aus dem nahegelegenen Marbach-Kanal der Emschergenossenschaft. Mit messbarem Erfolg: Bis zu 65 Prozent des Wärmebedarfs werden gedeckt und gleichzeitig bis zu 40 Prozent CO2 eingespart.
Im Jahr 2018 wurde in Dortmund eine Aquathermie-Anlage zur Wärmeversorgung des Seniorenwohnsitzes Westholz in Betrieb genommen. Die Wärme wird hier aus dem Abwasserkanal Kirchderner Graben entzogen. Das Projekt wurde von der Betrem GmbH, einer Tochtergesellschaft der Emschergenossenschaft, gemeinsam mit der Städtischen Seniorenheime Dortmund GmbH umgesetzt. Das Haus deckt nun rund 70 Prozent seines Heizwärmebedarfes und rund 80 Prozent des Warmwasserbedarfes (bei 63 Prozent CO2-Einsparung) aus Abwasserwärmenutzung.
Im Gegensatz zu fossilen Energieträgern wie Öl, Kohle und Gas – die nur endlich verfügbar sind und über ihre Verbrennung klimaschädliche Emissionen mit erheblichen Folgeschäden und -kosten erzeugen – ist Abwasser fast überall und dauerhaft verfügbar und hat selbst in den Wintermonaten relativ hohe und konstante Temperaturen. Die warme Dusche, das abgegossene Nudelwasser oder die Toilettenspülung – das alles mischt sich zu einem Abwasser, das die Haushalte mit einer Durchschnittstemperatur von 25 Grad verlässt. Fließt das Abwasser durch die unterirdischen Kanäle, hat es durch die gute Isolierung des Erdreichs eine Durchschnittstemperatur von rund 10 bis 15 Grad, je nach Jahreszeit. Wird ein Wärmetauscher im Kanalrohr oder idealerweise im Ablauf einer Kläranlage installiert, überträgt er die Wärme und macht diese in Kombination mit einer Wärmepumpe für den Heizkreislauf nutzbar.
Wärmegewinnung auf der Kläranlage Soest
Abwasser findet sich jedoch nicht nur in Kanälen, sondern auch in Kläranlagen, wo es gereinigt wird. Im Rahmen der laufenden Planungen des Lippeverbandes zur Erneuerung der Kläranlage Soest haben sich interessante Synergiepotentiale mit dem möglichen Vorhaben „Wärmequartier Paradieser Weg“ ergeben. Das Klärwerk könnte zu einer Energiezentrale entwickelt werden, in der aus Abwasser zukünftig Wärme gewonnen würde – diese würde dann in ein eigenes Netz für ein neues Wärmequartier eingespeist.
Zum Hintergrund: Eine Vielzahl kommunaler Gebäude nördlich des Paradieser Weges in Soest steht vor umfangreichen energetischen Sanierungsmaßnahmen. Aus diesem Grund haben die Stadtwerke Soest gemeinsam mit der Stadt Soest und dem Kreis Soest vereinbart, die Umsetzung eines effizienten Wärmequartiers in diesem Gebiet zu prüfen. Entlang des Paradieser Weges könnte ein neues Wärmequartier entstehen, das einen bedeutenden Schritt für die Stadt Soest auf dem Weg zu einer klimaneutralen Kommune darstellen würde. Dieses Quartier könnte weitestgehend aus regenerativen Energien gespeist werden. Einen wesentlichen Baustein könnte dabei der Lippeverband liefern, indem auf seiner Kläranlage dem gereinigten – und konstant warmen – Abwasser vor der Einleitung in den Soestbach Wärme entzogen würde, die dann in einer Wärmezentrale aufbereitet und in das neue separate Nahwärmenetz des Wärmequartiers eingespeist würde. Federführend bei dem Gesamtprojekt – Projektierung und mögliche spätere Umsetzung – sind die Stadtwerke Soest.
Konzept für das Klärwerk
Das Konzept des Lippeverbandes und seiner Partner auf der Kläranlage Soest sieht vor, dass die Abwasserwärme-Nutzung im Bereich des Ablaufs der Kläranlage ansetzt. Hier hat das Abwasser eine konstante Temperatur zwischen 10 und 18 Grad Celsius. Über die Installation eines Wärmetauschers im Abwasserstrom könnten hier zirka vier Grad Celsius entzogen werden, woraus sich nach den Berechnungen ein Wärmepotenzial von mehr als 20 Gigawattstunden pro Jahr bei einem regulären Trockenwetterabfluss von rund 220 Liter pro Sekunde ergibt.
Die Installation der Aquathermie könnte der Lippeverband parallel zu den ohnehin vorgesehenen Ausbauarbeiten auf der Kläranlage Soest umsetzen, denn das Werk erhält eine sogenannte Vierte Reinigungsstufe zur gründlicheren Elimination von Mikroschadstoffen wie zum Beispiel Medikamentenresten im Abwasser. Mitte 2030, so sehen es die aktuellen Planungen vor, soll die weitergehende Klärstufe (Ozonierung mit nachgeschalteter biologisch aktiver Sandfiltration) in Betrieb gehen.
Weitere Infos auf: www.eglv.de/aquathermie
Emschergenossenschaft und Lippeverband
Emschergenossenschaft und Lippeverband (EGLV) sind öffentlich-rechtliche Wasserwirtschaftsunternehmen, die als Leitidee des eigenen Handelns das Genossenschaftsprinzip leben. Die Aufgaben der 1899 gegründeten Emschergenossenschaft sind unter anderem die Unterhaltung der Emscher, die Abwasserentsorgung und -reinigung sowie der Hochwasserschutz. Der 1926 gegründete Lippeverband bewirtschaftet das Flusseinzugsgebiet der Lippe im nördlichen Ruhrgebiet und baute unter anderem den Lippe-Zufluss Seseke naturnah um. Gemeinsam haben Emschergenossenschaft und Lippeverband rund 2.000 Beschäftigte und sind Deutschlands größter Abwasserentsorger und Betreiber von Kläranlagen und Pumpwerken (rund 782 Kilometer Wasserläufe, rund 1533 Kilometer Abwasserkanäle, mehr als 500 Pumpwerke und 59 Kläranlagen).
www.eglv.de
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