Die Neuerfindung des Ruhrgebietes als nachholende Wiedergutmachung

Buchtagung Historiker-Diskussion Vormittags
© Stephan Tuschy/EGLV

Historikertagung und politisches Symposium zum Buch „Die Macht der Entwässerung“: Investitionen in Infrastruktur, Bildung und Nahverkehr sind zentrale Zukunftsthemen der Region

Die Aufteilung unserer Region in einen reichen Süden entlang der Ruhr und einen armen Norden entlang der Emscher war kein Zufall. Vielmehr war es eine bewusste

EG-Vorstände und Historiker*innen
© Jannis Reichard/EGLV

Entscheidung einer Allianz der sogenannten Raum-Mächtigen, die Gewässer im Emscher-Gebiet zu offenen Schmutzwasserläufen zu degradieren und die für die Kohle- und Stahlproduktion benötigte Arbeiterschaft auch dort anzusiedeln. Reichlich Wirbel hat diese These, zu Tage getragen von Prof. Dr. Eva-Maria Roelevink und Dr. Lutz Budraß, Ende des vergangenen Jahres ausgelöst. Die beiden Historiker*innen recherchierten zum 125-jährigen Jubiläum der Emschergenossenschaft für das Buch „Die Macht der Entwässerung – die Emschergenossenschaft und die Erfindung des Ruhrgebietes“ in zahlreichen Archiven und stellten ihre Arbeit im Dezember vor. Um diese These ging es am Donnerstag (20.2.) in Wattenscheid im Rahmen einer Historikertagung zu dem Buch sowie eines politischen Symposiums zur Zukunft des Ruhrgebietes.

Zur Erinnerung: Das Buch „Die Macht der Entwässerung – Die Emschergenossenschaft und die Erfindung des Ruhrgebiets“ von Prof. Dr. Eva-Maria Roelevink und Dr. Lutz Budraß ist eine historische Aufarbeitung zur Gründungsgeschichte der Emschergenossenschaft. Es fokussiert sich in diesem Zusammenhang auf die Rolle der Emschergenossenschaft, die 1899 in Bochum gegründet wurde. Zu den Thesen des Buches zählen, dass neben der bewussten „Opferung“ der Emscher-Gewässer zugunsten der weiter südlich fließenden Ruhr, die Gründung der Emschergenossenschaft sowie die technische Emscher-Regulierung im 20. Jahrhundert maßgeblich zur Kolonialisierung des Ruhrgebietes beigetragen hat.

Fest steht: Das Emscher-Gebiet ist stark benachteiligt worden – wirtschaftlich, sozial und ökologisch. Mit dem Generationenprojekt Emscher-Umbau und der damit verbundenen Revitalisierung der Gewässer unternahm die Emschergenossenschaft in den vergangenen drei Jahrzehnten bereits einen ersten Schritt der nachholenden Wiedergutmachung. „Auch in Zukunft wollen wir als Emschergenossenschaft unserer strukturpolitischen Verantwortung gerecht werden und unseren Beitrag leisten: Die weitere Aufwertung der Lebens- und Aufenthaltsqualität verbunden mit einer nachhaltigen Wasserwirtschaft betrachten wir als Rückgrat für eine städtebauliche Entwicklung, die unsere Region nicht nur klimarobust gestaltet, sondern auch eine zweite nachholende Wiedergutmachung auf sozialer Ebene erst ermöglichen kann“, sagt Prof. Dr. Uli Paetzel, Vorstandsvorsitzender der Emschergenossenschaft.

Dr. Frank Dudda beim politischen Symposium
© Jannis Reichard/EGLV

Infrastruktur, Bildung und Nahverkehr sind entscheidende Zukunftsthemen

Nach einer angeregten Historiker-Diskussion am Vormittag kristallisieren sich bei der Podiumsdiskussion am Abend mit Dr. Frank Obenaus (Vorstand für Wassermanagement und Technik bei der Emschergenossenschaft), Dr. Frank Dudda (Oberbürgermeister der Stadt Herne und Vorsitzender des Genossenschaftsrates der Emschergenossenschaft), Garrelt Duin (Regionaldirektor des Regionalverbandes Ruhr), Bärbel Bergerhoff-Wodopia (Mitglied im Vorstand der RAG-Stiftung) und Oliver Wittke (Vorstandssprecher des Verkehrsverbundes Rhein-Ruhr) schnell zentrale Themen heraus: Allem voran sind Investitionen in Infrastrukturen jeglicher Art, Bildung und Nahverkehr erhebliche Faktoren für die Zukunft der Region.

Die Emschergenossenschaft leistet bereits seit Jahren ihren Beitrag: „Als Wasserwirtschaftsverband können wir infrastrukturelle Grundsteine legen, von Abwasserkanälen über renaturierte Flüsse und Hochwasserrückhaltebecken bis hin zum eigenen Radwegenetz entlang der Gewässer. Auch beim Thema Nachhaltigkeit arbeiten wir an Lösungen, um auch über die Abwasserreinigung hinaus einen positiven Effekt auf die Umwelt zu erzielen“, sagt Dr. Frank Obenaus. Die Emschergenossenschaft setzt sich zudem für Bildungs- und Mitmachprojekte an ihren Gewässern ein – und fördert so basisdemokratische Grundwerte. Das beginnt bei der Gestaltung von Blauen Klassenzimmern, bei denen Menschen und Einrichtungen vor Ort ihre Ideen und Vorstellungen für die Gewässerlernorte einbringen – zum Beispiel am Katernberger Bach in Essen. Auch in anderen Mitmach-Angeboten, wie etwa der Weinbergpflege in Dortmund-Barop, können die Menschen mitreden, mitentscheiden und vor allem: mitmachen. Gemeinsam mit den Bürgerinnen und Bürgern vor Ort kann so die Lebens- und Aufenthaltsqualität im Ruhrgebiet weiter gesteigert werden.

Die Bedeutung der Zusammenarbeit verdeutlicht an dem Abend Dr. Frank Dudda: „Egal ob Infrastruktur, Bildung oder Klimawandel: Um den Herausforderungen der Zukunft gerecht zu werden, müssen wir auch über die eigene Kommune oder das eigene Unternehmen hinausdenken. Wenn Ruhrgebietsstädte, die Wasserwirtschaft und Infrastrukturunternehmen gemeinsam an einem Thema arbeiten, können wir gespannt auf die zukunftsgerichtete Transformation der Region schauen. Hier kann wirklich Besonderes gelingen.“

Emschergenossenschaft

Am 14. Dezember 1899 als erster deutscher Wasserwirtschaftsverband gegründet, ist die Emschergenossenschaft heute gemeinsam mit dem 1926 gegründeten Lippeverband Deutschlands größter Betreiber von Kläranlagen und Pumpwerken. Die Aufgaben des öffentlich-rechtlichen Unternehmens sind die Abwasserentsorgung, der Hochwasserschutz sowie die Klimafolgenanpassung. Ihr bekanntestes Projekt ist der Emscher-Umbau (1992-2021), bei dem die Emschergenossenschaft im Herzen des Ruhrgebietes eine moderne Abwasserinfrastruktur baute. Dafür wurden 436 Kilometer an neuen unterirdischen Abwasserkanälen verlegt und vier Großkläranlagen gebaut. Rund 340 Kilometer an Gewässern werden insgesamt renaturiert. Parallel entstanden über 130 Kilometer an Rad- und Fußwegen, die das neue blaugrüne Leben an der Emscher und ihren Nebenläufen erleb- und erfahrbar machen. www.eglv.de